Die ÖBB feiern sich für den nächsten Fahrgastrekord, als hätte man persönlich die Mobilitätswende erfunden. 559 Millionen Fahrgäste im Vorjahr, Plus hier, Wachstum da, Schulterklopfen im Management – vermutlich wurde im Vorstand schon der Sekt entkorkt.
Dumm nur: Während oben die Rekordgrafiken poliert werden, klingt es von unten eher nach: „Leute, der Laden fährt auf Reserve – und zwar ohne Reserve.“
Die Bahngewerkschaft vida findet den Rekord grundsätzlich schön. Klar: Mehr Menschen in Zug und Bus statt im Auto – das klingt nach Klimaschutz, Fortschritt und Sonntagsrede mit PowerPoint. Aber Gewerkschaftschef Gerhard Tauchner sagt sinngemäß: Rekorde fallen nicht vom Himmel, die fahren auch nicht von selbst. Und schon gar nicht, wenn Material, Personal und Puffer ungefähr so üppig vorhanden sind wie Sitzplätze im Pendlerzug um 7.12 Uhr.
Der Vorwurf: Die ÖBB würden auf Verschleiß fahren. Also auf gut Österreichisch: Es läuft – bis es halt kracht, quietscht oder irgendwo wieder ein Waggon „aus betrieblichen Gründen“ plötzlich meditiert.
Grundlage für den Ärger ist auch ein Bericht des Rechnungshofs. Der besagt im Kern: Viel Nachfrage, viel Angebot, wenig Reserve. Oder anders gesagt: Die ÖBB haben immer mehr Fahrgäste eingeladen, aber bei Fahrzeugen und betrieblichen Pufferzonen offenbar nach dem Motto geplant: „Wird schon irgendwie gehen. Hoffentlich.“
Tauchner fordert deshalb mehr strategischen Weitblick vom Management. Ein kühner Wunsch, denn strategischer Weitblick ist im Bahnwesen oft nur die elegante Umschreibung für: „Vielleicht sollten wir Züge, Personal und Plan B haben, bevor alles gleichzeitig voll wird.“
Die ÖBB reagieren gewohnt geschniegelt. Man habe „Belastungsspitzen“ erkannt und wolle Kritikpunkte „gezielt adressieren“. Das klingt sehr professionell und bedeutet erfahrungsgemäß übersetzt ungefähr: „Wir haben das Problem in einer Präsentation markiert und denken intensiv darüber nach.“
Die Zahlen selbst sind tatsächlich beeindruckend: Im Nahverkehr auf der Schiene stieg die Zahl der Fahrgäste um zwei Prozent auf 301 Millionen, im Busverkehr blieb man stabil bei 211,5 Millionen, und im Fernverkehr legte man auf 47 Millionen zu.
Kurzum: Österreich fährt immer mehr Bahn. Das ist gut für Klima, Straßen und das gute Gewissen. Aber wenn gleichzeitig Gewerkschaft und Rechnungshof warnen, dass das System auf Kante genäht ist, dann klingt der Rekord schnell weniger nach Triumph – und mehr nach einer Durchsage im Regionalzug:
„Sehr geehrte Fahrgäste, wir danken für Ihr Vertrauen. Der nächste Engpass erreicht uns in wenigen Minuten.“

