In Graz zeigt man wieder einmal eindrucksvoll, dass man finanziell zwar auf der letzten Rille fährt, aber immerhin mit Haltung. Der Grazer Finanzstadtrat Manfred Eber (KPÖ) hat am Donnerstag den Rechnungsabschluss 2025 präsentiert – und der klingt ungefähr so beruhigend wie ein Kontoauszug nach drei Wochen Online-Shopping im Vollrausch.
Denn die Stadt Graz sitzt inzwischen auf einer Verschuldung von 1,926 Milliarden Euro. Und weil man in Graz offenbar gerne rundet, hieß es gleich dazu: Mittlerweile dürften es eh schon knapp zwei Milliarden sein.
Oder anders gesagt:
Graz ist finanziell inzwischen ungefähr dort, wo andere Leute wären, wenn sie ihre Kreditkarte dem Kater nach dem Stadtfest überlassen hätten.
Trotzdem bemüht man sich um Zuversicht. Immerhin besitzt die Stadt laut Rechnungsabschluss ein Vermögen von 5,039 Milliarden Euro. Das klingt auf den ersten Blick ordentlich – bis man merkt, dass Städte ihr Vermögen halt nicht einfach auf Willhaben stellen können mit dem Text:
„Leicht verschuldete Großstadt, kaum benutzt, nur leichte Gebrauchsspuren, Selbstabholung.“
Immerhin gibt es auch Positives: Der operative Saldo liegt bei 53,3 Millionen Euro und damit besser als geplant. Vorgesehen waren nur 33 Millionen. In der Politik nennt man so etwas vermutlich:
„Wir stehen bis zum Hals im Geldproblem, aber wenigstens etwas tiefer als erwartet.“
Außerdem konnte das städtische Vermögen gegenüber 2024 um rund 180 Millionen Euro gesteigert werden. Auch bei den Auszahlungen musste man weniger aufwenden:
- beim Personal rund 1,2 Millionen Euro weniger
- bei den Zinsen rund 5 Millionen Euro weniger
Man könnte also sagen:
Graz spart dort, wo es gerade nicht ganz so weh tut – und hofft, dass niemand zu genau nachrechnet.
Bei den Einnahmen gab es ein paar kleine Lichtblicke:
- 3,4 Millionen Euro mehr bei der Grundsteuer
- 0,6 Millionen Euro mehr bei den Parkgebühren
Ja, richtig gelesen:
Während die Stadt auf zwei Milliarden Schulden zusteuert, ist man wenigstens beim Parken konsequent.
Wenn schon finanzieller Totalschaden, dann bitte ordentlich bezahlt im Kurzparkzonen-Modell.
Weniger erfreulich lief es bei der Kommunalsteuer, da fehlten rund 1,5 Millionen Euro. Dafür kamen vom Bund über die Ertragsanteile dank wachsender Bevölkerung 8,5 Millionen Euro mehr herein.
Das Motto lautet also:
Mehr Menschen, mehr Druck, mehr Kosten – aber immerhin auch ein bisschen mehr Geld.
Investiert wurde 2025 trotzdem kräftig: insgesamt 340,1 Millionen Euro. Die größten Brocken gingen in die üblichen Kernbereiche:
- Graz Linien: 65,3 Millionen Euro
- Energieversorgung: 29,2 Millionen Euro
- Wasserversorgung: 21,3 Millionen Euro
- Abwasser: 13,1 Millionen Euro
- Wohnen Graz: 10,7 Millionen Euro
- Müllentsorgung: 10,5 Millionen Euro
- Schulen: 40,8 Millionen Euro
- Straßen: 29,8 Millionen Euro
Eber erklärte dazu völlig richtig:
„Das sind die Kernaufgaben der Stadt, funktioniert da etwas nicht, fällt es sofort auf.“
Das stimmt.
Wenn die Öffis nicht fahren, das Wasser nicht kommt, die Schule zerbröselt und der Müll stehen bleibt, merken selbst in Wahlkampfzeiten plötzlich alle, dass Ideologie nur bedingt den Alltag entsorgt.
Besonders unerquicklich: Die Ausgaben der Gemeinden in Österreich seien laut Eber um zwölf Prozent stärker gestiegen als die Einnahmen. Also das, was man landläufig als „dauerhaft ungesundes Geschäftsmodell“ bezeichnen würde.
Auch beim Schuldenvergleich sieht Graz gar nicht mal so exotisch aus:
- Graz: +33,2 Prozent Pro-Kopf-Verschuldung seit 2021
- Steiermark: +36,4 Prozent
- Wien: +42,4 Prozent
- Bund: +23,1 Prozent
Mit anderen Worten:
Nicht nur Graz lebt über seine Verhältnisse – andere machen’s bloß mit größerem Budget und besseren Ausreden.
Ein besonderes Lieblingsärgernis von Eber und Finanzdirektor Johannes Müller: die Ertragsanteile. Das System sei historisch gewachsen und benachteilige Graz zugunsten westlicher Bundesländer.
Übersetzt heißt das:
Innsbruck und Salzburg bekommen pro Kopf mehr, obwohl die Straßenbahn in Graz nicht plötzlich gratis fährt, nur weil sie in der Steiermark unterwegs ist.
Die Zahlen sprechen tatsächlich eine klare Sprache:
- Graz: 7.226 Euro pro Kopf
- Linz: 7.681 Euro
- Innsbruck: 8.564 Euro
- Salzburg: 8.604 Euro
Hätte Graz denselben Schlüssel wie Salzburg, hätte die Stadt in den letzten fünf Jahren rund 400 Millionen Euro mehr erhalten.
Das ist in etwa die Summe, bei der in Graz vermutlich spontan drei Arbeitsgruppen, zwei Gipfel und eine parteiübergreifende Betroffenheitsrunde einberufen würden.
Hinzu kommen externe Kostentreiber, gegen die Graz nach eigener Darstellung wenig ausrichten kann:
- die Steuerreform 2022, die für Graz 30 bis 35 Millionen Euro weniger Einnahmen pro Jahr bedeutet
- die Inflation
- und jetzt auch noch die Auswirkungen des Golfkriegs
Ja, auch der Krieg am Golf wirkt sich auf Graz aus. Warum?
Weil die Holding Graz für Öffis und städtische Fahrzeuge rund 100.000 Liter Diesel pro Woche braucht.
Wenn also irgendwo zwischen Hormus, Ölpreis und geopolitischer Eskalation wieder die Welt verrücktspielt, merkt man das irgendwann auch in Graz – spätestens dann, wenn der Bus teurer wird als ein Kleinflugzeug auf Kurzstrecke.
Im Vorfeld der Gemeinderatswahl am 28. Juni appellierte Eber deshalb an alle Parteien, doch bitte von Wahlversprechen mit budgetären Auswirkungen Abstand zu nehmen.
Ein bemerkenswerter Satz im Wahlkampf.
Das ist ungefähr so, als würde ein Wirt vor dem Zeltfest sagen:
„Bitte heute nur Wasser bestellen, wir müssen sparen.“
Eber machte klar:
„Es wird keine Budgetausweitungen geben können.“
Das klingt vernünftig. Es klingt aber auch nach einer Botschaft, die in Wahlkampfzeiten traditionell ungefähr dieselbe Überlebenschance hat wie ein Eiswürfel in der Sauna.
Kritik kam prompt von der ÖVP. Gemeinderat Markus Huber sieht die Schuld bei der Stadtkoalition und spricht von völlig falscher Prioritätensetzung. Genannt wurden unter anderem Projekte wie die Umgestaltung der Laimburggasse oder der Kaiserfeldgasse, dazu massive Mehrkosten bei der neuen Remise von rund 80 Millionen Euro und beim Projekt Josef-Huber-Gasse von rund 10 Millionen Euro.
Kurz gesagt:
In Graz ist man sich wenigstens parteiübergreifend einig, dass das Geld weg ist – nur über das „Wer war’s?“ wird noch engagiert gestritten.
Fazit:
Graz hat fast zwei Milliarden Euro Schulden, aber immerhin auch ein paar bessere Zahlen als befürchtet. Die Stadt spart, investiert, klagt über ungerechte Verteilung, hofft auf wirtschaftliche Erholung und bittet im Wahlkampf vorsorglich darum, nicht noch mehr teure Luftschlösser zu versprechen.
Das Problem dabei:
In Wahlkämpfen wird selten gespart – da wird vor allem verteilt.
Oder noch einfacher gesagt:
Graz ist finanziell im roten Bereich, aber wenigstens ist die Parkuhr pünktlich bezahlt.

