Bis zu 72 Prozent Rabatt auf Gold – und der Osterhase liefert in drei Jahren
Wenn ein Goldhändler plötzlich Rabatte verspricht, bei denen selbst Discounter nervös werden, dann sollte man vielleicht nicht sofort den Geldbeutel zücken – sondern erst mal den Taschenrechner.
Die TGI AG aus Liechtenstein macht derzeit genau das, wovon Schnäppchenjäger, Hobby-Investoren und Freunde gepflegter Realitätsverweigerung nachts träumen:
Gold mit bis zu 72 Prozent Rabatt.
Ja, richtig gelesen.
Nicht 7,2 Prozent.
Nicht „10 Prozent mit Newsletter-Anmeldung“.
72 Prozent. Auf Gold.
Ein Angebot, bei dem man sich unweigerlich fragt, ob als Nächstes auch noch Rolex-Uhren im Dreierpack und Villen auf Mallorca im Black-Friday-Sale angeboten werden.
Das Prinzip: Heute zahlen, irgendwann vielleicht glänzen
Das Modell klingt herrlich einfach:
- Kunde kauft Gold
- bekommt dafür angeblich satte Rabatte
- muss nur eine Kleinigkeit mitbringen: Geduld
- also ungefähr bis zu drei Jahre
Denn die Auslieferung lässt auf sich warten.
Mit anderen Worten:
Sie kaufen heute Gold von morgen zum Preis von vorgestern – und hoffen, dass übermorgen noch jemand weiß, wo es liegt.
TGI-Chef Helmut Kaltenegger verkauft das Ganze laut Handelsblatt mit dem Motto:
„Geht nicht, gibt’s nicht.“
Ein Satz, den man sonst eher aus Motivationskalendern, Strukturvertrieben oder von Leuten kennt, die versuchen, einen Gebrauchtwagen ohne Motor als „urbanes Leichtbaukonzept“ zu verkaufen.
40.000 Kunden? 80 Millionen Euro Rabatt? Da wird selbst Fort Knox kurz blass
Angeblich sollen bereits 40.000 Menschen zugegriffen haben.
Außerdem will TGI nach eigenen Angaben bereits rund 80 Millionen Euro an Rabatten ausgeschüttet haben.
Das klingt natürlich spektakulär.
Oder anders formuliert:
Entweder hat hier jemand den Goldhandel revolutioniert – oder Excel hat endgültig die Bodenhaftung verloren.
Denn in der echten Welt gilt bislang eigentlich:
- Gold ist knapp
- Gold ist teuer
- Gold wird nicht einfach verschenkt
- und wenn doch, dann meistens nur in Märchen, bei QVC um 2:30 Uhr oder in PowerPoint-Präsentationen mit zu viel Selbstvertrauen
Gold ist der sichere Hafen – und manche Angebote sind eher ein Piratenschiff
Klar: Die Zeiten spielen Goldhändlern in die Karten.
Der Goldpreis ist innerhalb eines Jahres um rund 50 Prozent gestiegen.
Krisen, Kriege, Unsicherheit – all das treibt Menschen traditionell in den „sicheren Hafen“ Gold.
Und genau dort wartet dann plötzlich jemand am Kai und ruft:
„Pssst… Gold mit 72 Prozent Rabatt, aber nur wenn Sie drei Jahre nicht so genau hinschauen.“
Da darf man zumindest mal höflich fragen:
- Wo ist der Haken?
- Wer verdient hier wie?
- Und warum hat das bisher nicht die gesamte Finanzwelt kopiert?
Denn wenn man Gold wirklich mit solchen Konditionen verkaufen könnte, müsste man sich fragen:
Warum gibt es dann überhaupt noch Banken, Börsen und Zentralbanken?
Handelsblatt Crime: Wenn selbst die Finanzaufsicht die Augenbraue hebt
In der aktuellen Folge von Handelsblatt Crime geht es genau um diese Frage:
Kann das wirklich seriös sein – oder glänzt hier nur die Verpackung?
Im Podcast sprechen Host Solveig Gode, Rohstoff-Expertin Judith Henke und Investigativjournalist Lars-Marten Nagel über:
- die auffällig hohen Gold-Rabatte
- den schillernden Hintermann
- und eine offenbar bereits alarmierte Finanzaufsicht in Deutschland
Und wenn bei einem Goldmodell nicht nur Anleger große Augen machen, sondern auch die Aufsicht, dann ist das meistens kein Gütesiegel.
Das ist eher der Moment, in dem man als Zuschauer Popcorn holen sollte.
Fazit: Wenn etwas zu schön glänzt, ist oft nicht alles Gold, was rabattiert
Natürlich gilt:
Nicht jedes ungewöhnliche Geschäftsmodell ist automatisch unseriös.
Aber ebenso gilt:
Wenn jemand Gold mit bis zu 72 Prozent Rabatt anbietet und die einzige Gegenleistung darin besteht, drei Jahre lang geduldig zu sein, dann sollte man vielleicht nicht zuerst kaufen – sondern zuerst sehr viele Fragen stellen.
Denn am Ende bleibt eine uralte Anlegerregel:
Wenn etwas zu gut klingt, um wahr zu sein, dann ist es meistens entweder nicht wahr – oder jemand verdient prächtig daran, dass Sie es glauben.
Und bis dahin gilt:
Gold mag ein sicherer Hafen sein.
Aber manche Rabattangebote sehen eher aus wie ein Kreuzfahrtschiff Richtung Bermuda-Dreieck.

