Die Gletscher im Himalaya verlieren immer schneller an Masse – mit wachsenden Folgen für Menschen, Infrastruktur und Wirtschaft. Neue Forschung warnt davor, dass sich die Gebirgsregion einem kritischen Schwellenwert nähert.
Laut einem Bericht der Beratungsfirma Systemiq schmelzen die Gletscher inzwischen rund 65 Prozent schneller als noch vor zehn Jahren. Gleichzeitig werden Gletscherseen größer und instabiler, Permafrost taut auf und Berghänge verlieren an Stabilität.
Besonders problematisch: Von den schätzungsweise 40.000 Gletschern im Himalaya-Karakorum-Gebiet werden dem Bericht zufolge nur etwa 21 dauerhaft und detailliert überwacht.
56 Gletscherseen gelten als besonders gefährlich
Indien sieht sich bereits mit erheblichen Risiken konfrontiert. Zwar umfasst die Himalaya-Region nur etwa 18 Prozent der indischen Landesfläche, sie ist laut Bericht jedoch für rund 35 Prozent der Katastrophen im Land verantwortlich.
Die indische Regierung erklärte im Juli, dass 56 Gletscherseen als „sehr hohes Risiko“ eingestuft worden seien. Insgesamt überwacht die Central Water Commission 2.485 größere Gletscherseen in den Himalaya-Flussgebieten des Landes.
Wie gefährlich solche Seen werden können, zeigte sich bereits mehrfach. 2023 brach im Bundesstaat Sikkim ein Gletschersee aus und löste schwere Überschwemmungen aus. Mindestens 70 Menschen kamen ums Leben, Straßen, Brücken und Wasserkraftwerke wurden beschädigt.
Bereits 2021 hatte eine gewaltige Flut im Bundesstaat Uttarakhand mehr als 200 Menschen das Leben gekostet.
Wasser aus dem Himalaya trägt einen großen Teil der Wirtschaft
Die Gefahr beschränkt sich jedoch nicht auf plötzliche Flutkatastrophen.
Der Himalaya ist eines der wichtigsten natürlichen Wassersysteme Asiens. Seine Gletscher speisen große Flüsse und sichern damit die Wasserversorgung für Hunderte Millionen Menschen.
Nach Einschätzung des International Centre for Integrated Mountain Development dürfte der Abfluss aus vielen Gletschern bis etwa zur Mitte des Jahrhunderts zunächst weiter steigen. Danach könnte er deutlich zurückgehen, weil immer weniger Eis vorhanden ist.
Der neue Bericht schätzt, dass Wasser aus dem Himalaya Wirtschaftsbereiche unterstützt, die zusammen rund 20 Prozent des indischen Bruttoinlandsprodukts ausmachen.
Dazu gehören unter anderem der Anbau von Weizen, Reis und Tee, die Wasserkraft sowie der religiöse Tourismus. Die Himalaya-Bundesstaaten selbst profitieren dem Bericht zufolge jedoch nur von etwa fünf Prozent dieses wirtschaftlichen Werts.
Ruß beschleunigt die Gletscherschmelze
Ein Teil des Problems könnte direkt in Südasien bekämpft werden.
Nach Schätzung der Forscher ist etwa ein Drittel der Gletscherschmelze im Himalaya auf sogenannten schwarzen Kohlenstoff zurückzuführen. Dabei handelt es sich um Rußpartikel, die unter anderem aus Ziegeleien in den Ebenen stammen.
Lagert sich der dunkle Ruß auf Schnee und Eis ab, absorbiert die Oberfläche mehr Sonnenlicht – und das Eis schmilzt schneller.
Im Gegensatz zu globalen Treibhausgasemissionen könnten Indien und seine Nachbarstaaten diese Form der Luftverschmutzung vergleichsweise unmittelbar reduzieren.
Millionen Menschen von Folgen betroffen
Der Klimaforscher und Ökonom Nicholas Stern bezeichnet den Himalaya als „dritten Pol“ der Erde. Anders als in Arktis und Antarktis lebten jedoch Hunderte Millionen Menschen unmittelbar unterhalb dieses gewaltigen Eisspeichers.
Nach Ansicht der Autoren des Berichts nähert sich das ökologische System einem möglichen Kipppunkt.
Sie schlagen deshalb zehn zentrale Maßnahmen vor. Dazu gehören eine Verringerung der Rußemissionen, eine deutlich bessere Überwachung der Gletscher sowie leistungsfähigere Frühwarnsysteme.
Auch der Katastrophenschutz soll verbessert werden. Behörden sollten bereits im Voraus festlegen, wie bei drohenden Gletscherseeausbrüchen oder Erdrutschen reagiert wird – etwa durch Evakuierungen oder den Schutz gefährdeter Infrastruktur.
Tourismus soll nachhaltiger werden
Auch der Tourismus spielt eine Rolle. Die indische Himalaya-Region verzeichnet dem Bericht zufolge jährlich rund 400 Millionen Besuche.
Forscher fordern deshalb ein Umdenken: Statt möglichst viele Touristen anzuziehen, sollte stärker darauf geachtet werden, dass die Einnahmen in den Regionen bleiben und in den Schutz der Landschaft sowie widerstandsfähige Infrastruktur investiert werden.
Pema Gyamtsho, Generaldirektor von ICIMOD, warnt vor zunehmend komplexen Gefahren. Gletscher ziehen sich zurück, Permafrost taut, Berghänge werden instabiler – und daraus können mehrere Katastrophen gleichzeitig oder nacheinander entstehen.
Hinzu kommt, dass die Risiken keine Staatsgrenzen kennen. Der Himalaya erstreckt sich über mehrere Länder, während Flüsse und mögliche Flutwellen ebenfalls grenzüberschreitend wirken.
Experten fordern deshalb eine engere Zusammenarbeit zwischen den Staaten der Region – mit gemeinsamem Monitoring, Datenaustausch, Frühwarnsystemen und Investitionen in widerstandsfähige Infrastruktur.
Denn das Abschmelzen der Himalaya-Gletscher ist längst nicht mehr nur ein Umweltproblem. Es entwickelt sich zunehmend zu einer wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Gefahr für einen großen Teil Südasiens.


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