WKO-Chefin Schultz will kürzere Sommerferien – praktisch, wenn man selbst nicht neun Wochen Kinderbetreuung organisieren muss
Es gibt Berufe, bei denen man sich nach einem langen Arbeitstag nach Ruhe sehnt.
Und es gibt Berufe, bei denen man offenbar noch genügend Energie hat, darüber nachzudenken, wie man anderen Menschen die Ferien verkürzen könnte.
Martha Schultz, Präsidentin der Wirtschaftskammer und Chefin des ÖVP-Wirtschaftsbundes, hat einen Vorschlag:
Sechs Wochen Sommerferien müssten eigentlich reichen.
Derzeit sind es neun.
Drei Wochen könnten also weg.
Ein kleiner Schnitt im Kalender.
Fast wie beim Budget.
Nur dass diesmal nicht Zahlen gestrichen werden, sondern Ferien.
Die Kinder haben ja wirklich lange genug frei
Schultz begründet ihren Vorstoß unter anderem mit der Belastung von Eltern – insbesondere von Müttern, die nach wie vor einen großen Teil der Betreuungsarbeit übernehmen.
Das Problem ist real.
Die Lösung ist allerdings bemerkenswert.
Statt bessere Kinderbetreuung zu organisieren, flexiblere Arbeitszeiten zu ermöglichen oder Familien finanziell zu entlasten, könnte man natürlich auch einfach sagen:
Die Kinder sollen früher wieder in die Schule.
Problem gelöst.
So einfach kann Sozialpolitik sein.
Wenn Eltern Schwierigkeiten mit neun Wochen Ferien haben, macht man eben sechs daraus.
Wenn sechs noch zu viel sind, könnte man irgendwann über vier reden.
Und falls auch das organisatorisch schwierig bleibt, ließe sich vielleicht gleich der Samstag als Schultag wiederentdecken.
Die Wirtschaft würde sich bestimmt freuen.
Verbesserung für Frauen – durch weniger Ferien
Besonders interessant ist die Begründung, eine Verkürzung sei eine „Verbesserung für die Frauen“.
Das muss man erst einmal auf sich wirken lassen.
Jahrzehntelang wurde darüber gesprochen, Frauen stärker zu entlasten.
Mehr Kinderbetreuung.
Mehr partnerschaftliche Aufteilung.
Mehr Unterstützung für Familien.
Nun kommt eine geradezu revolutionäre Idee:
Wir verkürzen einfach die Ferien der Kinder.
Warum kompliziert, wenn es auch mit dem Stundenplan geht?
Natürlich stimmt es, dass lange Sommerferien für berufstätige Eltern ein organisatorischer Kraftakt sein können.
Aber genau deshalb stellt sich die Frage, ob die Antwort wirklich lauten sollte:
Die Schule muss das Problem lösen.
Denn Schule ist eigentlich ein Ort für Bildung.
Keine staatliche Aufbewahrungsanstalt, damit Erwachsene möglichst störungsfrei arbeiten können.
Vielleicht braucht die Wirtschaft auch nur längere Öffnungszeiten
Schultz berichtet zudem von „Klagen über die langen Sommerferien“ aus verschiedenen Branchen.
Das überrascht wenig.
Aus Sicht eines Unternehmens sind Kinder schließlich gelegentlich organisatorisch ausgesprochen unpraktisch.
Sie werden krank.
Sie haben Ferien.
Sie brauchen Betreuung.
Und manchmal wollen Eltern sogar Zeit mit ihnen verbringen.
Volkswirtschaftlich betrachtet geradezu ein Albtraum.
Vielleicht sollte man deshalb konsequent weiterdenken.
Warum überhaupt neun Wochen Sommerferien?
Warum Herbstferien?
Warum Weihnachtsferien?
Warum Wochenende?
Kinder könnten schließlich früh lernen, was sie später im Berufsleben erwartet:
Urlaub ist schön – aber bitte nicht zu viel davon.
Das wäre zugleich hervorragende Vorbereitung auf die Arbeitswelt.
Wer einen Spitzenjob hat, braucht vermutlich wirklich keine Ferien
Natürlich lässt sich über die Länge der Sommerferien vernünftig diskutieren.
Man kann fragen, ob neun Wochen pädagogisch sinnvoll sind.
Man kann über Lernverluste sprechen.
Man kann über Betreuung diskutieren.
Alles legitim.
Aber wenn ausgerechnet die Chefin der Wirtschaftskammer verkündet, sechs Wochen würden auch reichen, bekommt die Sache einen gewissen Beigeschmack.
Denn vielleicht sieht ein Sommer aus einem Spitzenbüro etwas anders aus als aus einer Dreizimmerwohnung mit zwei Kindern, einem Vollzeitjob und der verzweifelten Suche nach einem leistbaren Ferienprogramm.
Wer Termine, Assistenzen und berufliche Gestaltungsmöglichkeiten hat, erlebt Vereinbarkeit womöglich anders als eine Verkäuferin, Pflegerin oder Alleinerziehende.
Und genau deshalb sollte man mit vermeintlich einfachen Lösungen vorsichtig sein.
Man könnte ja einmal etwas ganz Verrücktes diskutieren
Wie wäre es beispielsweise mit:
mehr leistbaren Ferienangeboten.
Ganztägiger Betreuung.
Flexibleren Arbeitszeiten.
Mehr Homeoffice dort, wo es möglich ist.
Oder einer Arbeitswelt, die akzeptiert, dass Menschen nicht ausschließlich Arbeitnehmer, sondern manchmal auch Eltern sind.
Das wäre natürlich komplizierter.
Und vermutlich teurer.
Da ist die Variante „Kinder früher zurück in die Schule“ erheblich bequemer.
Sechs Wochen reichen?
Vielleicht.
Vielleicht aber auch nicht.
Man könnte dieselbe Logik schließlich auf andere Bereiche übertragen.
Brauchen Spitzenfunktionäre wirklich so viele Dienstreisen?
So viele Termine?
So viele Veranstaltungen?
So viele Funktionen?
Vielleicht reichen dort ebenfalls sechs statt neun.
Man sollte einmal darüber diskutieren.
Bis dahin bleibt jedenfalls festzuhalten:
Wenn eine Wirtschaftskammerpräsidentin fordert, die Sommerferien zu verkürzen, dann klingt das ein wenig wie der Chef eines Fitnessstudios, der erklärt:
Mittagspausen werden überschätzt. Bewegung kann man schließlich auch bei der Arbeit bekommen.
Und wer so einen Job hat, braucht am Ende vielleicht tatsächlich keinen Urlaub.
Die anderen würden ihn aber ganz gern behalten.


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