Gen Z entdeckt 9/11 – mit Verspätung, TikTok-Humor und wachsendem Unbehagen

Gen Z entdeckt 9/11 – mit Verspätung, TikTok-Humor und wachsendem Unbehagen

Veröffentlicht

Samstag, 12.09.2026
von Red. TB

Für Millionen Amerikaner gehört der 11. September 2001 zu jenen Tagen, bei denen die Erinnerung auch ein Vierteljahrhundert später erstaunlich präzise funktioniert. Wo war man? Was tat man? Wer rief an? Wann begriff man, dass die Bilder aus New York keine Filmszene waren?

Für die Generation Z stellt sich die Sache etwas anders dar.

Viele ihrer Angehörigen waren am 11. September entweder Kleinkinder oder noch gar nicht geboren. Ihre erste Erinnerung an 9/11 besteht deshalb nicht aus rauchenden Türmen, hektischen Nachrichtensprechern oder dem Gefühl, dass sich die Welt gerade verändert.

Sie besteht häufig aus einer Lehrerin, die plötzlich sehr ernst wurde.

Oder aus Eltern, die bei einer scheinbar harmlosen Frage auffällig lange schwiegen.

25 Jahre nach den Anschlägen trifft damit eine Generation auf ein historisches Ereignis, dessen Folgen ihr Leben geprägt haben, an das sie selbst aber keinerlei Erinnerung besitzt.

„Mama, was ist eigentlich 9/11?“

Avery Black, heute 20 Jahre alt und Journalismusstudentin an der University of South Carolina, hörte erstmals in der Grundschule von den Anschlägen.

Zu Hause fragte sie ihre Mutter nach.

Die Antwort fiel weniger pädagogisch nüchtern aus als erwartet. Ihre Mutter begann zu erzählen, wo sie sich an jenem Tag befunden hatte, und brach schließlich in Tränen aus, als sie über Feuerwehrleute sprach, die in die Türme gegangen waren und nicht wieder herauskamen.

Für Black war das zunächst schwer einzuordnen.

Wie vermutlich viele Kinder begriff sie zwar, dass etwas Schreckliches passiert war, aber nicht unbedingt, warum die Erwachsenen mehr als zehn Jahre später noch immer sichtbar erschüttert waren.

Bestimmte Bilder blieben dennoch hängen.

Vor allem die berühmte Aufnahme des sogenannten „Falling Man“, eines Mannes, der aus dem Nordturm in die Tiefe stürzt.

Auch die Szene mit dem damaligen Präsidenten George W. Bush gehört zu Blacks frühen Erinnerungen an das Thema: Bush sitzt am Morgen der Anschläge in einer Grundschule, als ihm ein Mitarbeiter ins Ohr flüstert, dass Amerika angegriffen worden sei.

Ein ikonischer Moment der Zeitgeschichte – und für viele Gen-Z-Schüler später Bestandteil des Unterrichts.

Die Eltern wussten es. Die Kinder irgendwann auch.

Annie Erickson, heute 26, wuchs in North Carolina auf. Ihre Mutter stammt aus New York.

Der 11. September war in ihrer Familie deshalb kein abstraktes Kapitel aus einem Schulbuch. Ihre Mutter kannte jemanden aus ihrem damaligen Wohnhaus, der in den Türmen ums Leben gekommen war.

Erickson fiel später auf, wie ungewöhnlich 9/11 im Geschichtsunterricht war.

Normalerweise erzählen Lehrer von historischen Ereignissen, die sie selbst nur aus Büchern kennen.

Beim 11. September konnten sie plötzlich sagen: Ich weiß noch genau, wo ich war.

Geschichtsunterricht mit Augenzeugenbericht – gewissermaßen die letzte Phase, bevor aus persönlicher Erinnerung endgültig Geschichte wird.

Einheitlicher Unterricht? Natürlich nicht.

Wer nun annimmt, amerikanische Schulen hätten für ein Ereignis dieser Tragweite längst einen gemeinsamen Lehrplan entwickelt, unterschätzt die organisatorische Kreativität des US-Bildungssystems.

Eine nationale Verpflichtung, 9/11 zu unterrichten, gibt es nicht.

Nach einer Analyse der Nachrichtenagentur Associated Press verlangen oder erwarten 25 Bundesstaaten, dass öffentliche Schulen das Thema behandeln. In 13 weiteren ist der Unterricht optional.

Und selbst wo 9/11 vorgeschrieben ist, bedeutet das nicht zwangsläufig, dass auch festgelegt ist, was genau die Schüler lernen sollen.

Das Ergebnis: Manche Kinder erhalten einen ausführlichen historischen Überblick. Andere erfahren, dass Flugzeuge in Gebäude geflogen sind und der Tag „sehr traurig“ war.

Allegra Tashjian, heute 28, gehörte eher zur zweiten Gruppe.

In der ersten oder zweiten Klasse erklärte ihre Lehrerin, der 11. September sei ein sehr wichtiger und düsterer Tag. Ein Mitschüler wusste immerhin, dass damals Flugzeuge in Hochhäuser in New York geflogen waren.

Tashjian fragte sich daraufhin vor allem eines: Warum hatte ihr das eigentlich noch niemand erzählt?

Zu Hause konfrontierte sie ihre Mutter damit.

Die hielt beim Wäschefalten kurz inne und erklärte sinngemäß, sie habe davon noch nie etwas gehört.

Tashjian ist sich heute ziemlich sicher, dass das nicht ganz der Wahrheit entsprach.

Vermutlich wollte ihre Mutter schlicht nicht mit einem Grundschulkind über Massenmord, Terrorismus und Menschen sprechen, die aus Hochhäusern sprangen.

Eine nachvollziehbare pädagogische Entscheidung.

Den Rest erklärte irgendwann das Internet

Mehrere Angehörige der Generation Z berichten Ähnliches: In der Schule gab es einzelne Bilder, ein paar Daten und vielleicht eine persönliche Geschichte.

Das Gesamtbild kam später.

Meist durch eigene Recherchen.

Avery Black etwa wusste als Kind zunächst gar nicht genau, wer die Anschläge verübt hatte.

Was ein Terrorist überhaupt ist, wurde ihr ebenfalls erst später klar.

Das Problem liegt auf der Hand: „Terrorismus“ gehört zu jenen Begriffen, die sich einem Achtjährigen nur schwer erklären lassen, ohne anschließend noch ungefähr zwölf weitere Fragen beantworten zu müssen.

Jack Coyne, heute 28, setzte sich erst mit 13 oder 14 Jahren intensiver mit dem 11. September auseinander.

Er sah alte Nachrichtensendungen und Originalaufnahmen.

Und plötzlich war das Ganze nicht mehr bloß ein geschichtlicher Begriff, sondern, wie er sagt, ein „zutiefst erschütterndes, beängstigendes Ereignis“.

Ein bemerkenswerter Vorgang: Eine Generation schaut sich Jahre später im Internet an, was eine andere Generation live im Fernsehen gesehen hat.

9/11 endet nicht am 11. September

Als Erwachsener betrachtet Coyne die Anschläge inzwischen differenzierter.

Für ihn gehören zur Geschichte nicht nur die knapp 3.000 Menschen, die am 11. September starben.

Dazu gehören auch die politischen Reaktionen danach: Kriege, neue Sicherheitsgesetze, Überwachung, gesellschaftliche Spannungen und ein deutlicher Anstieg antimuslimischer Ressentiments in den Vereinigten Staaten.

Genau an diesem Punkt wird 9/11 für die Generation Z besonders interessant.

Sie erinnert sich nicht an die Anschläge.

Sie ist aber in der Welt aufgewachsen, die daraus entstand.

Flughafenkontrollen, der „Krieg gegen den Terror“, Afghanistan, Irak, Guantánamo und jahrelange Debatten über Sicherheit und Bürgerrechte waren für sie keine politischen Veränderungen.

Sie waren schlicht Normalität.

Überraschung: Junge Menschen interessieren sich doch für Geschichte

David Schanzer, Professor an der Duke University, unterrichtet einen Kurs mit dem Titel „9/11 & Its Aftermath“.

Der Kurs ist voll.

Weitere Studierende stehen auf einer Warteliste.

Noch vor zehn Jahren hatte Schanzer angenommen, das Interesse werde allmählich verschwinden und er müsse sich irgendwann ein neues Thema suchen.

Das Gegenteil ist passiert.

Offenbar möchten junge Menschen doch gelegentlich wissen, warum die Welt aussieht, wie sie aussieht.

Schanzer hält den 11. September für eine der entscheidenden globalen Katastrophen des 21. Jahrhunderts – neben der Finanzkrise und der Corona-Pandemie.

Wer die vergangenen 25 Jahre verstehen wolle, komme deshalb an 9/11 kaum vorbei.

Eine These, die angesichts von zwei Kriegen, unzähligen Sicherheitsgesetzen und einer fundamental veränderten amerikanischen Außenpolitik nicht völlig abwegig erscheint.

Und dann kamen die Memes

Natürlich wäre es nicht die Generation Z, wenn sie auf ein schweres Thema ausschließlich mit historischer Andacht reagieren würde.

Mehrere junge Amerikaner berichten, dass 9/11 unter Gleichaltrigen durchaus Gegenstand von schwarzem Humor und Witzen ist.

Thomas Schwartz, Professor für Geschichte und Politikwissenschaft an der Vanderbilt University, beobachtete das auch in seinen Seminaren.

Seine Studenten beschrieben selbst eine Tendenz ihrer Generation, Gespräche über 9/11 durch Witze zu entschärfen.

Oder, je nach Perspektive, ihnen auszuweichen.

Interessanterweise seien Studenten aus dem Nordosten der USA häufig vorsichtiger.

Dort haben viele Eltern oder Verwandte persönliche Erinnerungen an die Anschläge. Manche kannten Opfer.

Plötzlich bekommt der Meme-Humor eine deutlich kürzere Halbwertszeit, wenn am Familientisch jemand sitzt, der an diesem Morgen Rauch über Manhattan gesehen hat.

Humor als Distanzmittel

Annie Erickson hält diese Art von Humor nicht unbedingt für Gleichgültigkeit.

Vielmehr könne sie ein Mittel sein, um mit Ereignissen umzugehen, deren Dimension kaum vorstellbar ist.

Wer 2001 nicht erlebt hat, kennt den 11. September schließlich vor allem als Sammlung ikonischer Bilder, Dokumentationen, Unterrichtsmaterialien und YouTube-Videos.

Die emotionale Distanz ist zwangsläufig größer.

Und Humor ist seit jeher eine ziemlich zuverlässige Methode, unangenehme Dinge für einige Sekunden weniger unangenehm erscheinen zu lassen.

Allegra Tashjian sagt, dass ihr große Opferzahlen bis heute abstrakt erscheinen.

Fast 3.000 Tote sind eine Zahl.

Ein einzelner Mensch mit Namen, Familie und Geschichte ist etwas anderes.

Deshalb helfen ihr persönliche Schicksale stärker als Statistiken.

Für die einen Erinnerung, für die anderen Geschichte

Darin liegt vielleicht der eigentliche Generationenwechsel.

Für ältere Amerikaner beginnt der 11. September mit einem persönlichen Satz:

„Ich weiß noch, wo ich war.“

Für die Generation Z beginnt er häufiger mit:

„Ich weiß noch, wann ich davon erfahren habe.“

Das Ereignis selbst wandert damit langsam aus dem Bereich der persönlichen Erinnerung in den Bereich der Geschichte.

Seine Folgen verschwinden allerdings nicht mit.

Die Generation Z hat den Einsturz der Twin Towers vielleicht nicht bewusst erlebt.

Sie ist aber mit den Konsequenzen aufgewachsen.

Und während ihre Eltern noch erzählen können, wie sich der 11. September selbst anfühlte, versucht die nächste Generation nun zu verstehen, warum ein Ereignis, an das sie keine eigene Erinnerung besitzt, ihre Gegenwart bis heute so stark bestimmt.

Vielleicht ist genau das der etwas paradoxe Zustand 25 Jahre danach:

9/11 ist für immer mehr Amerikaner Geschichte.

Aber erledigt ist es deshalb noch lange nicht.

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von Autor: Red. TB
am: Samstag, 12.09.2026

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