Die gute Nachricht zuerst: Österreichs Jugendliche liegen bei der aktuellen PISA-Studie erstmals über dem Durchschnitt der OECD-Staaten. Die weniger gute Nachricht: Ein Viertel hält Schule für Zeitverschwendung, eine Mehrheit fühlt sich nicht ausreichend auf das Erwachsenenleben vorbereitet und immer mehr Schülerinnen und Schüler finden das Lernen neuer Dinge ungefähr so aufregend wie das Sortieren alter Stromrechnungen.
Die PISA-Studie prüft nicht nur, ob Jugendliche Texte verstehen, mathematische Aufgaben lösen und naturwissenschaftliche Zusammenhänge erklären können. Sie fragt auch, wie die jungen Menschen über Schule, Lernen und ihren Alltag im Klassenzimmer denken.
Und diese Antworten dürften in einigen Lehrerzimmern für unruhige Kaffeepausen sorgen.
Österreich über dem Durchschnitt – allerdings sinkt der Durchschnitt
Getestet wurden österreichische Jugendliche im Alter von 15 und 16 Jahren. Ihre Leistungen lagen erstmals über dem Durchschnitt der OECD-Staaten.
Das klingt zunächst erfreulich. Allerdings wurden international in Mathematik, Lesen und Naturwissenschaften die niedrigsten Werte seit Beginn der Erhebungen festgestellt. Österreich verbesserte also seine Position in einer Rangliste, in der viele andere Teilnehmer gleichzeitig nach unten rutschten.
Das ist ein wenig so, als würde man bei einem Dauerlauf einen Platz aufholen, weil die Konkurrenz gerade ihre Schnürsenkel neu binden muss.
Auch in Österreich gingen die Leistungen im Lesen und in Mathematik zurück. In den Naturwissenschaften gab es dagegen eine Verbesserung. Dort scheinen Jugendliche zumindest noch wissen zu wollen, warum Dinge explodieren, schwimmen oder im Chemiesaal plötzlich merkwürdig riechen.
Die Motivation macht gelegentlich blau
Zwei Drittel der österreichischen Jugendlichen erklärten, dass sie sich bei schwierigen schulischen Aufgaben besonders anstrengen. Damit liegt Österreich über dem OECD-Durchschnitt von 60 Prozent.
Allerdings sank die Leistungsbereitschaft gegenüber der PISA-Erhebung von 2022 um acht Prozentpunkte. Das bedeutet: Noch immer bemühen sich viele Jugendliche, aber die Gruppe derjenigen, die bei einer komplizierten Aufgabe spontan eine intensive Beziehung zum Fensterblick entwickelt, wird größer.
Auch die Lust am Lernen nimmt ab. Im Jahr 2022 fanden 28 Prozent der Befragten das Lernen neuer Dinge langweilig. 2025 waren es bereits 33 Prozent.
Dabei dürfte es allerdings entscheidend sein, was unter „neuen Dingen“ verstanden wird. Die Bedienung eines neuen Smartphones wird vermutlich anders bewertet als die Berechnung einer quadratischen Gleichung am Montagmorgen.
Ein Viertel hält Schule für Zeitverschwendung
Besonders deutlich fällt das Urteil jener Jugendlichen aus, die im Schulbesuch kaum einen persönlichen Nutzen erkennen. Rund ein Viertel der Befragten bezeichnete Schule als Zeitverschwendung.
Dieser Anteil blieb gegenüber 2022 nahezu unverändert. Die Schule hat es also bislang weder geschafft, diese Jugendlichen stärker zu überzeugen, noch ist die Gruppe der besonders Skeptischen wesentlich größer geworden. Man könnte sagen: Die Unzufriedenen sitzen stabil auf ihrem Platz – sofern sie überhaupt anwesend sind.
Den geringsten Nutzen sehen laut Befragung vor allem männliche Jugendliche, Schülerinnen und Schüler berufsbildender weiterführender Schulen sowie Jugendliche an Privatschulen.
Hinter dieser Haltung kann mehr stecken als bloße Unlust. Wer keinen Zusammenhang zwischen Unterricht und eigenem Leben erkennt, fragt sich schnell, warum er bestimmte Inhalte lernen soll. Die entscheidende Frage lautet daher nicht nur, ob Jugendliche motiviert sind, sondern auch, ob Schule ausreichend vermittelt, wozu Wissen, Übung und Ausdauer gebraucht werden.
Fürs Erwachsenenleben schlecht gerüstet
59 Prozent der österreichischen Jugendlichen fühlen sich durch die Schule nicht gut auf das Erwachsenenleben vorbereitet. Dieser Wert liegt deutlich über dem Durchschnitt der OECD-Länder.
Viele Jugendliche können möglicherweise eine Gedichtanalyse schreiben, wissen aber nicht, wie man einen Mietvertrag prüft, eine Steuererklärung vorbereitet oder erkennt, ob ein Onlineangebot seriös ist. Spätestens beim ersten Schreiben einer Versicherung stellt sich dann die Frage, warum es in der Schule zwar Schularbeiten über Schillers Dramen gab, aber keine über Kündigungsfristen.
Allerdings kann Schule nicht jede Alltagssituation vorwegnehmen. Sie soll Grundlagen vermitteln, Urteilsfähigkeit entwickeln und junge Menschen dazu befähigen, neue Probleme selbstständig zu lösen. Trotzdem zeigt die Befragung deutlich, dass viele Jugendliche einen stärkeren Bezug zwischen Unterricht und wirklichem Leben vermissen.
Immerhin fühlen sich viele zugehörig
Trotz der Kritik bewertete die Mehrheit das Schulklima positiv. 78 Prozent der Jugendlichen gaben an, sich ihrer Schule zugehörig zu fühlen. Dieser Anteil entspricht ungefähr dem OECD-Durchschnitt.
Die Schule wird also nicht grundsätzlich abgelehnt. Viele Jugendliche fühlen sich dort sozial aufgehoben, treffen Freunde und erleben Gemeinschaft. Offenbar kann man sich einer Schule verbunden fühlen und sie trotzdem gelegentlich für Zeitverschwendung halten.
Das ist kein Widerspruch. Erwachsene können schließlich auch ihre Arbeit mögen und dennoch behaupten, dass manche Besprechung problemlos eine E-Mail hätte sein können.
Weniger Lärm, aber mehr Zuspätkommen
Beim Unterrichtsklima schneidet Österreich vergleichsweise gut ab. Störungen kommen seltener vor als in vielen anderen Teilnehmerstaaten. Seit 2015 stieg sogar der Anteil der Jugendlichen, die angaben, in ihren Klassen gebe es selten oder nie Probleme mit Lärm und Unterbrechungen.
Möglicherweise ist es tatsächlich ruhiger geworden. Möglicherweise kommunizieren Jugendliche heute aber auch geräuschlos über ihre Smartphones. Für Lehrkräfte macht das akustisch einen Unterschied, pädagogisch nicht unbedingt.
Gleichzeitig nahm die Unpünktlichkeit zu. 2022 waren 35 Prozent der Jugendlichen in den zwei Wochen vor dem PISA-Test mindestens einmal zu spät gekommen. 2025 lag der Anteil bei 42 Prozent.
Auch das ganztägige Schwänzen wurde häufiger. Der Anteil stieg von 13 auf 15 Prozent. Damit gibt es mehr Jugendliche, die Schule nicht nur für Zeitverschwendung halten, sondern gelegentlich vorsorglich Zeit sparen.
Hinter Fehlzeiten können jedoch sehr unterschiedliche Ursachen stehen: mangelnde Motivation, familiäre Belastungen, psychische Probleme, Konflikte in der Schule oder Schwierigkeiten mit dem Unterricht. Reine Strafen lösen diese Probleme deshalb häufig nicht.
Mobbing bleibt ein ernstes Problem
Wenig Anlass für humorvolle Bemerkungen bieten die Zahlen zum Mobbing. 24 Prozent der österreichischen Schülerinnen und Schüler berichteten, mehrmals im Monat auf unterschiedliche Weise schikaniert worden zu sein. Im OECD-Durchschnitt lag dieser Wert bei 20 Prozent.
18 Prozent erklärten, regelmäßig lächerlich gemacht worden zu sein. Vier Prozent wurden nach eigenen Angaben bedroht, sechs Prozent geschlagen oder gestoßen. Über mehr als jeden zehnten Jugendlichen wurden wiederholt verletzende Gerüchte verbreitet.
Nur 48 Prozent gaben an, nahezu nie von Mobbing betroffen zu sein. Elf Prozent erlebten entsprechende Angriffe mindestens einmal pro Woche.
Diese Zahlen machen deutlich, dass Mobbing kein gelegentlicher Streit auf dem Pausenhof ist. Es kann das Sicherheitsgefühl, die psychische Gesundheit und die schulischen Leistungen erheblich beeinträchtigen.
Cybermobbing trifft besonders hart
Cybermobbing wurde in Österreich seltener gemeldet als andere Formen der Schikane. Fünf Prozent der Jugendlichen hatten innerhalb eines Jahres erlebt, dass belastende Inhalte gegen ihren Willen im Internet verbreitet wurden.
Der vergleichsweise niedrige Anteil darf nicht über die Folgen hinwegtäuschen. Betroffene Jugendliche erzielten bei der PISA-Testung in den Naturwissenschaften durchschnittlich 32 Punkte weniger als ihre Mitschüler. Nach Einschätzung der Studie entspricht dieser Unterschied ungefähr eineinhalb Lernjahren.
Digitale Angriffe enden zudem nicht mit dem Unterricht. Eine verletzende Nachricht, ein heimlich aufgenommenes Video oder ein verbreitetes Gerücht begleitet Betroffene bis nach Hause. Der frühere Rat „Geh demjenigen einfach aus dem Weg“ funktioniert schlecht, wenn das Smartphone mitkommt.
Schulleitungen berichten von Gewalt und Vandalismus
Auch die Direktorinnen und Direktoren wurden zu den Zuständen an ihren Schulen befragt. Nach ihren Angaben haben verbale und körperliche Gewalt sowie Vandalismus zugenommen.
Fast ein Drittel der Jugendlichen besucht demnach Schulen, an denen vulgäre Sprache und mutwillige Beschädigungen ein Problem darstellen. Rund die Hälfte lernt an Schulen, an denen Einschüchterung unter Jugendlichen vorkommt.
Auch Diebstähle, Verletzungen durch andere Schülerinnen und Schüler sowie Angriffe auf Beschäftigte wurden häufiger genannt. Bemerkenswert ist, dass das allgemeine Sicherheitsgefühl der Jugendlichen trotzdem nicht zurückging.
Vielleicht haben sich viele an einen raueren Umgang gewöhnt. Das wäre allerdings kein beruhigendes Zeichen, sondern ein weiterer Grund, genauer hinzusehen.
Eine Studie mit 760.000 Jugendlichen
Für die 2025 durchgeführte PISA-Erhebung wurden weltweit rund 760.000 Schülerinnen und Schüler in 91 Ländern getestet. In Österreich nahmen ungefähr 7.000 Jugendliche aus 256 Schulen teil.
Die Ergebnisse liefern kein vollständiges Bild jeder einzelnen Schule. Sie zeigen aber Entwicklungen, die nicht ignoriert werden sollten: sinkende Motivation, ein fehlender Bezug zum Erwachsenenleben, zunehmende Fehlzeiten und ein weiterhin erhebliches Mobbingproblem.
Politik entdeckt das Klassenzimmer
Wie bei größeren Bildungsstudien üblich, dauerte es nicht lange, bis die Ergebnisse Teil der politischen Auseinandersetzung wurden. Die FPÖ warf Bildungsminister Christoph Wiederkehr und seinem Ministerium vor, die angekündigte Trendwende verfehlt zu haben. Immer mehr Jugendliche verlören das Interesse, die Motivation und den Glauben an den Wert von Leistung.
Solche Kritik gehört zum politischen Betrieb. Die Probleme lassen sich allerdings nicht allein mit einer Pressemitteilung, einem neuen Lehrplan oder der Forderung nach mehr Disziplin lösen.
Wenn Jugendliche Schule als sinnlos erleben, muss gefragt werden, wie Unterricht verständlicher, lebensnäher und motivierender werden kann. Wenn sie sich nicht auf das Erwachsenenleben vorbereitet fühlen, sollte geprüft werden, welche praktischen Kompetenzen fehlen. Und wenn fast ein Viertel regelmäßig Schikanen erlebt, braucht es Schutzkonzepte, erreichbare Vertrauenspersonen und konsequentes Handeln.
Schule muss ihren Nutzen besser erklären
Die PISA-Ergebnisse bedeuten nicht, dass österreichische Jugendliche grundsätzlich lernunwillig sind. Zwei Drittel bemühen sich nach eigener Einschätzung besonders, wenn Aufgaben schwierig werden. Mehr als drei Viertel fühlen sich ihrer Schule zugehörig. In den Naturwissenschaften verbesserten sich die Leistungen sogar.
Doch die Schule verliert bei einem Teil der Jugendlichen an Bedeutung. Wer nicht versteht, warum er etwas lernen soll, entwickelt selten große Begeisterung für Arbeitsblätter, Prüfungen und Hausaufgaben.
Die entscheidende Aufgabe besteht deshalb darin, Wissen nicht nur abzufragen, sondern seinen Nutzen sichtbar zu machen. Jugendliche müssen erfahren, dass Lesen vor Manipulation schützen kann, Mathematik beim Umgang mit Geld hilft und naturwissenschaftliches Verständnis wichtig ist, wenn im Internet wieder jemand behauptet, die Erde sei eigentlich eine Scheibe.
Schule ist also keineswegs Zeitverschwendung. Sie muss es allerdings schaffen, das auch jenem Viertel zu erklären, das innerlich bereits die Pausenglocke gehört hat.


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