Wer in der Capanna Regina Margherita übernachten möchte, kann nicht einfach ein Zimmer buchen, ins Auto steigen und an der Rezeption einchecken. Vor dem Schlafengehen wartet zunächst eine mehrtägige Hochgebirgstour über Gletscher, Schneefelder und gefährliche Spalten. Das Ziel liegt in 4.554 Metern Höhe – auf der Punta Gnifetti im Monte-Rosa-Massiv, genau an der Grenze zwischen Italien und der Schweiz.
Bereits seit fünf Uhr morgens bin ich mit vier anderen Bergsteigern durch ein Seil verbunden. Im Licht unserer Stirnlampen suchen wir einen sicheren Weg durch das Labyrinth des Lys-Gletschers. Immer wieder ziehen sich tiefe Spalten durch das Eis. Jeder Schritt muss sitzen, denn ein unachtsamer Moment kann hier ernste Folgen haben.
Langsam weicht das milchig-blaue Licht der Nacht dem ersten Morgenrot. Vor uns liegt eine riesige, mit Schnee gefüllte Mulde. Unser Bergführer zeigt auf einen schmalen Grat in der Ferne. Dort oben soll die Margherita-Hütte stehen. Zunächst kann ich nichts erkennen. Der Gipfel wirkt so steil, dass ich kaum glauben kann, dass dort überhaupt ein Gebäude Platz finden soll.
Erst gegen Mittag erreichen wir die Punta Gnifetti. Nun ist die Berghütte deutlich zu sehen – und der Anblick verschlägt mir den Atem.
Das schmale, dreistöckige Metallgebäude erinnert ein wenig an eine gewaltige Konservendose. Es scheint weniger auf dem Berg zu stehen, als vielmehr am Rand eines Abgrunds zu balancieren. Auf der einen Seite fällt ein steiler Schneehang ab, auf der anderen geht es fast einen Kilometer senkrecht in die Tiefe.
Genau hier soll ich die kommende Nacht verbringen.
Eine Hütte für eine Königin
Das Monte-Rosa-Massiv umfasst einige der höchsten Gipfel der Alpen. Der 4.634 Meter hohe Monte Rosa wird nur vom Mont Blanc überragt. Die Punta Gnifetti, die auch Signalkuppe genannt wird, zählt ebenfalls zu den höchsten Alpengipfeln.
Auf ihrem Gipfel wurde eine wissenschaftliche Forschungsstation errichtet, die zugleich als Unterkunft für Bergsteiger dient. Benannt ist sie nach der damaligen italienischen Königin Margherita von Savoyen. Die für ihren sportlichen und abenteuerlustigen Charakter bekannte Monarchin bestand darauf, zur Eröffnung im Jahr 1893 selbst auf den Berg zu steigen und dort zu übernachten.
Mehr als 130 Jahre später dient die Hütte noch immer der wissenschaftlichen Forschung. Gleichzeitig bietet sie Bergsteigern einfache Schlafplätze, warme Mahlzeiten und einen einzigartigen Blick über die Alpen.
Rund 30.000 Menschen erreichen jedes Jahr den Gipfel. Etwa 4.000 von ihnen verbringen eine Nacht in der Hütte und dürfen anschließend behaupten, in den höchsten Betten Europas geschlafen zu haben.
Der Aufstieg beginnt in Italien
Meine dreitägige Tour beginnt im italienischen Bergdorf Alagna Valsesia. Dort endet die asphaltierte Straße und das Hochgebirge übernimmt das Kommando. Mehrere Seilbahnen bringen mich zunächst zur 3.275 Meter hoch gelegenen Punta Indren. Dort treffe ich unseren Bergführer und die vier anderen Mitglieder der Gruppe.
Da sich unsere Körper erst an die dünne Höhenluft gewöhnen müssen, fällt die erste Etappe vergleichsweise kurz aus. Nach ungefähr einer Stunde über Felsen und Eis erreichen wir die Rifugio Città di Mantova. Die große hölzerne Berghütte liegt auf 3.498 Metern Höhe, unmittelbar unterhalb des Lys-Gletschers.
Der Temperaturunterschied zum Tal ist deutlich zu spüren. Ein schneidender Wind zieht über die Terrasse. Trotzdem ist der Blick in das weit unter uns liegende grüne Tal beeindruckend.
In der Nacht schlafe ich kaum. Vielleicht liegt es an der Aufregung, vielleicht an der Höhe oder an dem Wissen, dass am nächsten Tag ein Aufstieg von mehr als 1.000 Höhenmetern bevorsteht. Als um vier Uhr morgens der Wecker klingelt, bin ich beinahe erleichtert.
Wir befestigen Steigeisen an unseren Bergschuhen und verbinden uns mit einem Seil. Sollte jemand in eine Gletscherspalte rutschen, müssen die anderen ihn sichern können.
Durch Eis und Schnee auf mehr als 4.000 Meter
Noch in der Dunkelheit betreten wir den Gletscher. Nach etwa einer Stunde haben wir das unübersichtliche Netz aus Spalten überwunden. Hinter uns sammeln sich die Wolken in den Tälern, vor uns ragen die Wände der Viertausender in den Himmel.
Der mittlere Abschnitt der Tour ist weniger schwierig als die zerklüftete Gletscherpassage. Dennoch macht sich die Höhe zunehmend bemerkbar. Mit jedem Schritt wird die Luft dünner und das Atmen anstrengender.
Besonders schwierig wird für mich der letzte Anstieg. Zwar hatte ich bisher kaum Probleme mit der Höhenkrankheit, doch ich leide unter Schwindel. Als wir in engen Kurven den steilen Gipfelhang hinaufsteigen, fällt der Grat neben uns beinahe senkrecht in den Nebel ab.
Statt die Aussicht zu genießen, konzentriere ich mich nur noch auf meine Füße. Ein Schritt nach dem anderen. Als ich schließlich wieder aufblicke, stehen wir auf dem Gipfel.
Ringsum ziehen sich schneebedeckte Bergketten bis zum Horizont. Ihre eisigen Spitzen glitzern im Sonnenlicht. Vor uns steht die Margherita-Hütte – Europas höchstes Gebäude.
Ein sicherer Kokon am Abgrund
Im Inneren wirkt die Hütte überraschend gemütlich. Schnell vergisst man, wie gewagt ihre Lage eigentlich ist. Fast das gesamte Erdgeschoss besteht aus einem Speiseraum. In den beiden oberen Stockwerken befinden sich Schlafsäle, die an diesem Abend vollständig belegt sind.
Ich lege meinen Rucksack auf einer der Matratzen ab und gehe nach unten. Dort bestelle ich eine heiße Schokolade mit einer großzügigen Portion Sahne. Nach mehreren Stunden in Eis und Kälte fühlt sich das Getränk beinahe luxuriös an.
Einer der vier Hüttenwarte erzählt, wie deutlich man hier oben die Kraft des Wetters spürt. Bei schweren Stürmen beginne das Gebäude leicht zu schwanken. Während eines Gewitters könne es sich anfühlen, als befinde man sich mitten in den Wolken und unmittelbar zwischen den Blitzen.
Alle Lebensmittel und sonstigen Vorräte werden mit dem Hubschrauber gebracht. Wenn schlechtes Wetter Flüge verhindert, ist die Hütte weitgehend von der Außenwelt abgeschnitten.
Pizza am vermeintlichen Ende der Welt
Während des Abendessens zieht eine Wetterfront über die Berge. Wolken verschlucken die Hütte, Schneeregen schlägt gegen die Fenster. Der Ort wirkt plötzlich wie ein Außenposten am Ende der Welt.
Ein chinesischer Videoblogger, der mit mir am Gemeinschaftstisch sitzt, zeigt sich dennoch positiv überrascht. Er hatte lediglich mit einem Bett gerechnet – ohne Toilette und ohne Küche. Stattdessen kann er auf 4.554 Metern Höhe sogar Pizza bestellen und sein Mobiltelefon aufladen.
Der Komfort bleibt allerdings überschaubar. Geschlafen wird in engen Mehrbettzimmern mit sieben oder acht fremden Menschen. Für alle Gäste stehen lediglich zwei Toiletten zur Verfügung, Duschen gibt es nicht. Privatsphäre ist hier oben ungefähr so selten wie Sauerstoff.
Dafür entsteht schnell ein besonderes Gemeinschaftsgefühl. Alle Gäste haben denselben anstrengenden Weg bewältigt. Herkunft, Alter und Beruf spielen plötzlich kaum noch eine Rolle. Entscheidend ist nur, dass man gemeinsam den Berg erreicht hat.
Nicht jeder verträgt die Höhe gleich gut. Ein Bergsteiger, den ich beim Abstieg treffe, berichtet von starken Kopfschmerzen und Übelkeit. Sein Körper sei nicht ausreichend an die Höhe gewöhnt gewesen. Bereits wenige Stunden nach Beginn des Aufstiegs hätten die Beschwerden eingesetzt.
Eine sorgfältige Akklimatisierung ist deshalb unverzichtbar. Innerhalb von zwei Tagen steigt man von rund 1.200 auf 4.554 Meter. Wer zu schnell aufsteigt oder Warnzeichen ignoriert, riskiert eine ernsthafte Höhenkrankheit.
Hinweise für die Besteigung
Die Capanna Regina Margherita ist normalerweise nur von Mitte Juni bis Anfang September bewirtschaftet. Da die Tour sehr beliebt ist, sollten Bergführer, Übernachtung und Anreise frühzeitig reserviert werden. Während der Sommersaison bietet die Hütte Platz für ungefähr 70 Gäste.
Die meisten Besucher schließen sich einer geführten Gruppe an. Wer in der Hütte übernachten möchte, sollte eine dreitägige Tour wählen. Erforderlich sind warme Winterkleidung, feste Bergschuhe, Steigeisen sowie die notwendige Sicherheitsausrüstung.
Der Aufstieg ist keine gewöhnliche Wanderung. Gletscher, extreme Höhe, rasche Wetterwechsel und Absturzgefahr verlangen Erfahrung, Kondition und professionelle Begleitung.
Die besondere Magie des Berges
Das größte Erlebnis ist am Ende nicht allein die spektakuläre Lage der Hütte. Es sind auch die Begegnungen mit Menschen aus aller Welt. In den engen Schlafsälen und am gemeinsamen Esstisch entstehen Gespräche, Freundschaften und Erinnerungen, die im Tal vermutlich nie zustande gekommen wären.
Vielleicht besteht die wahre Besonderheit dieses Ortes deshalb nicht nur darin, dass ein Gebäude scheinbar unmöglich am Rand eines Abgrunds steht. Die Capanna Regina Margherita bringt Menschen zusammen, die gemeinsam Kälte, dünne Luft und einen langen Aufstieg überwunden haben.
Und wer hier oben tatsächlich Schlaf findet, darf am nächsten Morgen mit gutem Recht sagen: Ich habe über den Wolken übernachtet.


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