Erst kamen die Bäume in die alten Gleisschächte – jetzt kommt der Masseverwalter
Es gibt Geschäftsideen, die klingen so sehr nach Großstadt 2023, dass man eigentlich schon beim Namen einen Cappuccino für 5,90 Euro bestellen möchte.
Gleisgarten.
Ehemalige Remise.
Historische Badner-Bahn-Atmosphäre.
Foodmarket.
Bäume in alten Arbeitsschächten.
Industriecharme.
Urbanes Lebensgefühl.
Was könnte da schon schiefgehen?
Nun ja:
Offenbar ziemlich viel.
Denn die Betreiberfirma des Wiener Foodmarkts Gleisgarten ist pleite.
Über die KRAFTMoments Development GmbH wurde am Wiener Handelsgericht ein Konkursverfahren eröffnet. Nach Angaben des KSV1870 sollen rund 4,5 Millionen Euro Schulden vorhanden sein.
Betroffen sind demnach etwa 80 Gläubiger und 30 Beschäftigte.
Das gastronomische Erlebnis bekommt damit leider eine neue Bedeutung.
Früher hieß es:
„Was darf es sein?“
Jetzt eher:
„Welche Quote darf es sein?“
Von Streetfood zu Forderungsanmeldung
Der Gleisgarten sollte eigentlich ein Ort zum Genießen werden.
Internationale Küche.
Getränke.
Treffpunkt.
Eventfläche.
Eine moderne Gastromarkthalle in historischem Ambiente.
Nun treffen sich vermutlich zunächst einmal andere Beteiligte:
Gläubiger.
Juristen.
Kreditschützer.
Und das Handelsgericht.
Forderungen können bis 9. November angemeldet werden.
Die Berichts- und Prüfungstagsatzung findet am 23. November statt.
Damit bekommt auch der Begriff „Reservierung“ eine völlig neue Dimension.
4,5 Millionen Euro Schulden – da war offenbar nicht nur die Rechnung beim Abendessen hoch
Als Gründe für die Pleite werden laut KSV1870 sinkende Umsätze infolge der schwächeren Kaufkraft sowie steigende Mieten und Kosten genannt.
Oder in gastronomischer Kurzfassung:
Die Gäste hatten weniger Geld – und der Betrieb brauchte immer mehr davon.
Eine Kombination, die in der Gastronomie ungefähr so hilfreich ist wie ein Stromausfall beim Abendgeschäft.
Die Kunden sparen.
Die Kosten steigen.
Die Miete steigt.
Lebensmittel werden teurer.
Personal kostet.
Energie kostet.
Und irgendwann kostet offenbar auch der Optimismus zu viel.
Kein Fortbetrieb – der letzte Zug ist abgefahren
Besonders endgültig klingt die Aussage, dass die Betreiberfirma keinen Fortbetrieb und keine Sanierung anstrebt.
Aufgrund der hohen Kosten soll das Unternehmen nicht weitergeführt werden.
Das ist dann wohl tatsächlich:
Endstation.
Kein Ersatzverkehr.
Keine Weiterfahrt.
Kein Anschlusszug.
Der Gleisgarten hat seinen Namen damit unfreiwillig ziemlich konsequent zu Ende erzählt.
Dabei fing alles ziemlich ambitioniert an
Die Gastromarkthalle an der Eichenstraße wurde 2023 eröffnet.
Mit rund einem Jahr Verzögerung.
Schon damals hätte der erfahrene österreichische Bau- und Gastronomiebeobachter vielleicht sagen können:
Eine Verspätung bei einem Projekt mit „Gleis“ im Namen ist immerhin thematisch passend.
Für das Projekt wurde die alte Remise der Badner Bahn aus dem Jahr 1907 aufwendig erneuert.
Die historische Substanz sollte erhalten und gleichzeitig mit einem modernen gastronomischen Konzept verbunden werden.
Besonders kreativ:
In frühere Arbeitsschächte unter den Gleisen wurden Bäume gepflanzt.
Eine wunderbare Symbolik.
Damals standen die Bäume für Nachhaltigkeit, Urbanität und neues Leben.
Heute könnte man etwas böser sagen:
Die Bäume haben offenbar besser Wurzeln geschlagen als das Geschäftsmodell.
Gastro trifft Immobilienrealität
Das Problem solcher Projekte ist häufig nicht die Idee.
Die Idee klingt meist hervorragend.
Alte Industriehalle.
Schicke Beleuchtung.
Viele unterschiedliche Anbieter.
Gemeinsame Sitzflächen.
Craft Beer.
Bowls.
Burger.
Asian Fusion.
Irgendwo steht garantiert eine Pflanze in einem Betontopf.
Dann kommen die echten Zahlen.
Miete.
Nebenkosten.
Energie.
Personal.
Wartung.
Marketing.
Reinigung.
Versicherung.
Wareneinsatz.
Und irgendwann stellt jemand die unangenehme Frage:
Wie viele Bowls müssen wir eigentlich verkaufen, damit sich das alles rechnet?
Die Antwort scheint beim Gleisgarten nicht erfreulich ausgefallen zu sein.
Kaufkraft ist leider kein Instagram-Filter
Hinzu kommt ein Problem, das derzeit viele Gastronomiebetriebe kennen.
Die Menschen rechnen stärker.
Ein Essen außer Haus ist für viele kein selbstverständlicher Alltagskonsum mehr.
Aus:
„Komm, wir gehen noch schnell was essen“
wird:
„Wir haben doch noch Nudeln daheim.“
Für aufwendig konzipierte Gastronomieflächen ist das schwierig.
Denn eine spektakuläre Location kann Besucher anziehen.
Aber sie bezahlt keine Rechnungen.
Likes sind keine Liquidität.
Follower sind keine Umsätze.
Und ein voller Samstagabend finanziert nicht automatisch eine schwache Woche.
80 Gläubiger – das wird eine ziemlich große Tischreservierung
Rund 80 Gläubiger sollen betroffen sein.
Das klingt zumindest nach einer Personenzahl, mit der man früher vermutlich ein ordentliches Event hätte veranstalten können.
Jetzt kommen sie allerdings nicht wegen des Essens.
Sie möchten Geld.
Auch 30 Beschäftigte sind von der Insolvenz betroffen.
Und spätestens hier endet natürlich die reine Satire.
Denn hinter einer solchen Pleite stehen Menschen, deren Arbeitsplätze betroffen sind, Lieferanten mit offenen Rechnungen und Geschäftspartner, die möglicherweise selbst finanzielle Verluste hinnehmen müssen.
Eine Insolvenz ist für diese Beteiligten kein lustiges Ereignis.
Trotzdem zeigt der Fall exemplarisch, wie schwierig das Gastronomiegeschäft inzwischen geworden ist.
Der Gleisgarten war vielleicht ein Kind seiner Zeit
Das Konzept passte perfekt in die Jahre, in denen überall neue Foodhalls entstanden.
Nicht mehr einfach Restaurant.
Nein.
Experience.
Nicht mehr einfach Abendessen.
Urban Food Concept.
Nicht mehr einfach Halle.
Community Space.
Und natürlich darf bei modernen Projekten niemals das Wort „Marktplatz“ fehlen.
Das Problem:
Auch das schönste Konzept muss am Ende dieselbe uralte Prüfung bestehen wie das Wirtshaus an der Ecke.
Kommen genug Gäste – und geben sie genug Geld aus, damit die Kosten bezahlt werden können?
Offenbar lautete die Antwort beim Gleisgarten irgendwann:
Nein.
Vielleicht war das Projekt einfach zu teuer für seinen eigenen Erfolg
Genau darin steckt möglicherweise die bittere Ironie.
Je spektakulärer eine Gastronomiefläche gestaltet wird, desto höher sind häufig ihre Fixkosten.
Eine ehemalige Bahnremise herzurichten ist eben etwas anderes, als ein kleines Lokal anzumieten.
Historische Gebäude sind charmant.
Sie können allerdings auch ausgesprochen charmante Rechnungen produzieren.
Wenn dann gleichzeitig Mieten, Energie- und Betriebskosten steigen und Gäste sparsamer werden, wird aus dem hippen Großstadtprojekt schnell ein betriebswirtschaftliches Hochrisikomodell.
Aus „Foodmarket“ wird jetzt „Forderungsmarket“
Der Gleisgarten wollte unterschiedliche gastronomische Anbieter unter einem Dach zusammenbringen.
Nun bringt das Konkursverfahren andere Interessen zusammen.
Gläubiger wollen wissen, was noch vorhanden ist.
Beschäftigte wollen wissen, wie es weitergeht.
Das Gericht prüft die wirtschaftliche Lage.
Und der KSV1870 informiert über das Verfahren.
Fast könnte man sagen:
Das Konzept einer großen Halle mit vielen verschiedenen Beteiligten bleibt erhalten.
Nur das Angebot hat sich verändert.
Statt Burger und Drinks gibt es jetzt Forderungsanmeldungen und Konkursrecht.
Fazit: Ein ziemlich bitterer letzter Halt
Der Gleisgarten war ambitioniert.
Historische Bahnremise.
Aufwendig saniert.
Moderne Gastronomie.
Bäume in alten Gleisschächten.
Ein Projekt, das sehr bewusst zeigen wollte:
Hier entsteht etwas Neues.
Drei Jahre nach der Eröffnung steht nun die Betreiberfirma im Konkurs.
Rund 4,5 Millionen Euro Schulden.
80 Gläubiger.
30 Beschäftigte betroffen.
Kein Fortbetrieb geplant.
Damit endet zumindest für die KRAFTMoments Development GmbH die Reise deutlich früher als erhofft.
Vielleicht liefert der Fall aber auch eine kleine wirtschaftliche Lektion.
Denn egal wie modern ein Gastronomiekonzept klingt:
Am Ende gelten ziemlich altmodische Regeln.
Die Einnahmen sollten möglichst höher sein als die Ausgaben.
Die Gäste sollten tatsächlich kommen.
Und aus einem „urbanen Erlebnisraum“ muss irgendwann auch Geld werden.
Sonst lautet die letzte Durchsage irgendwann:
„Sehr geehrte Fahrgäste, wir bedauern: Der Gleisgarten endet hier. Bitte alle aussteigen.“


Sehr schöner Artikel – gleiches ist ja in Graz beim Steingarten bzw. der KraftMoments KMG Gmbh Anfang des Jahres passiert. Am Wikipedia Eintrag von Florian Bollen lässt sich viel über die dubiose Hintergrundperson erfahren die die Fäden in der Hand hält und die enormen Geldbeträge die hier systematisch aus den Steuertöpfen geschöpft werden. Ich hoffe das hat bald ein Ende.
Lange hats gedauert. Ich hoffe es wurde/wird langsam erkannt, dass Florian Bollen genau dieselbe Masche immer wieder abzieht und somit Geldwäsche betreibt…Danke für den schön formulierten Artikel!