KI entdeckt Mittelalter: 300.000 Mönche haben offenbar vergessen, ihre Handschrift zu optimieren

KI entdeckt Mittelalter: 300.000 Mönche haben offenbar vergessen, ihre Handschrift zu optimieren

Veröffentlicht

Freitag, 04.09.2026
von Red. TB

Jahrhundertelang lagen Europas mittelalterliche Handschriften relativ unbehelligt in Archiven. Damit dürfte es vorbei sein. Künstliche Intelligenz soll nun lesen, wofür Historiker bislang mehrere akademische Karrieren und eine gewisse Leidensfähigkeit benötigten. In Wien beraten Fachleute darüber, wie man Maschinen beibringt, 1.200 Jahre alte Kritzeleien zu entziffern – ohne dass Karl der Große plötzlich einen LinkedIn-Account bekommt.

Die Digitalisierung hat das Mittelalter erreicht.

Nicht politisch. Nicht gesellschaftlich. Sondern tatsächlich.

Hunderttausende Handschriften schlummern in Archiven und Bibliotheken rund um den Globus. Viele davon wurden von Menschen geschrieben, die weder Times New Roman noch Rechtschreibprüfung kannten und offenbar keinerlei Rücksicht darauf nahmen, dass ihre Notizen eines Tages von einem neuronalen Netzwerk gelesen werden sollten.

Genau das soll nun passieren.

Der österreichische Mittelalterhistoriker Helmut Reimitz beschäftigt sich mit der Frage, wie Künstliche Intelligenz historische Quellen in einem Umfang erschließen kann, von dem frühere Forschergenerationen nur träumen konnten.

Oder Albträume hatten.

Das fundamentale Problem der Geschichtswissenschaft: Es gibt zu viel Geschichte

Bislang stieß die historische Forschung auf eine erstaunlich analoge Grenze.

Zeit.

„Man konnte ja nicht 300.000 Handschriften durchlesen“, bringt Reimitz das Problem auf den Punkt.

Eine bemerkenswerte Feststellung, die zugleich erklärt, warum Historiker bislang bevorzugt einzelne Quellen untersuchten, statt morgens ins Archiv zu gehen und zu sagen: „Heute nehme ich Europa.“

Forscher mussten auswählen.

Dieses Dokument ja. Jenes nein.

Dieser Chronist wichtig. Jener weniger wichtig.

Und genau diese Auswahl war niemals völlig neutral. Wissenschaftliche Interessen, politische Vorstellungen, vorhandene Editionen und schlicht die Frage, welche Quelle überhaupt erreichbar und entzifferbar war, bestimmten mit, welches Mittelalter später in unseren Geschichtsbüchern landete.

KI verspricht nun eine andere Größenordnung.

Statt 30 Handschriften könnten irgendwann 30.000 durchsucht werden.

Der klassische Historiker bekommt damit erstmals einen Kollegen, der weder schlafen noch essen muss und bei der 18.000sten lateinischen Urkunde nicht plötzlich beschließt, doch lieber Unternehmensberater zu werden.

Mittelalter trifft Maschine

Ganz so einfach ist es allerdings nicht.

Mittelalterliche Handschriften besitzen eine unangenehme Eigenschaft: Sie wurden von Menschen geschrieben.

Und diese Menschen hatten unterschiedliche Handschriften, Orthografien und Sprachen. Sie schrieben Abkürzungen, Kommentare an den Rand, ergänzten Texte, strichen Dinge durch und dekorierten Seiten mit Illustrationen.

Kurz gesagt: Sie produzierten Daten in einer Qualität, für die heute vermutlich jede IT-Abteilung ein Krisenmeeting einberufen würde.

Eine Handschrift sei beinahe wie ein Kunstwerk, erklärt Reimitz.

Für KI bedeutet das ungefähr: Bitte erkenne den Text. Aber ignoriere die Verzierung. Außer die Verzierung ist relevant. Beachte die Randnotiz. Außer sie stammt von jemand anderem. Erkenne außerdem, dass dasselbe Wort auf drei Seiten unterschiedlich geschrieben wurde.

Und Latein wäre auch hilfreich.

Das internationale Netzwerk „SCOOP – Source Codes of the Past“ beschäftigt sich deshalb damit, KI-Werkzeuge auf genau diese „Vielfalt und Vielgestaltigkeit“ historischer Überlieferung vorzubereiten.

Vom 7. bis 9. September kommen Forschende dazu in Wien zusammen.

Die Menschheit hat also mehrere Jahrhunderte gebraucht, um künstliche Intelligenz zu entwickeln, damit diese anschließend herausfinden kann, was ein Mönch im Jahr 843 eigentlich gemeint hat.

Fortschritt verläuft selten geradlinig.

Plötzlich bekommt das Mittelalter Big Data

Für Reimitz liegt gerade darin eine enorme wissenschaftliche Chance.

Seine Forschung beschäftigt sich unter anderem mit Diversität, ethnischen Identitäten, religiösen Gruppen und der Entstehung Europas zwischen dem 3. und 11. Jahrhundert.

Das Problem dabei: Gesellschaften waren schon damals kompliziert.

Die historische Überlieferung ebenfalls.

Mit großen digital erschlossenen Quellenbeständen könnten Fragen künftig über Tausende Dokumente hinweg untersucht werden. Historiker müssten sich weniger darauf verlassen, dass einige ausgewählte Quellen stellvertretend für ganze Jahrhunderte sprechen.

Das könnte vertraute Geschichtsbilder verändern.

Vielleicht stellt sich heraus, dass vermeintliche Randerscheinungen gar nicht so randständig waren.

Vielleicht werden regionale Unterschiede sichtbarer.

Vielleicht widersprechen 40.000 Dokumente jener eleganten Theorie, die man gerade 400 Seiten lang ausgearbeitet hat.

Auch das wäre wissenschaftlicher Fortschritt.

Wenn auch emotional vermutlich die weniger beliebte Variante.

Dann kommt die Black Box

Doch ausgerechnet die Maschine, die mehr Transparenz in historische Quellen bringen soll, bringt ihr eigenes Transparenzproblem mit.

KI-Systeme können Ergebnisse liefern, ohne dass für Nutzer unmittelbar nachvollziehbar ist, wie genau diese zustande gekommen sind.

Für die Wissenschaft ist das heikel.

Denn „Computer sagt Mittelalter“ ist noch keine zitierfähige Methode.

Historische Forschung lebt davon, dass Behauptungen überprüfbar sind. Andere Wissenschaftler müssen nachvollziehen können, welche Quellen verwendet wurden, wie sie ausgewertet wurden und warum daraus eine bestimmte Schlussfolgerung gezogen wurde.

Wenn zwischen Quelle und Ergebnis plötzlich ein komplexes KI-Modell sitzt, entsteht eine neue Aufgabe:

Quellenkritik reicht nicht mehr.

Jetzt braucht es zusätzlich Maschinenkritik.

Der Historiker der Zukunft muss möglicherweise gleichzeitig fragen:

Wer hat dieses Dokument geschrieben?

Warum wurde es geschrieben?

Wie zuverlässig ist die Überlieferung?

Und warum hält die KI „Ludovicus“ plötzlich für einen italienischen Ferienort?

Der Professor korrigiert die KI – und die KI macht sich Notizen

Besonders hübsch wird die Geschichte dort, wo Reimitz selbst mit einem KI-Assistenten über sein eigenes Fachgebiet diskutierte.

Er suchte nach der Arbeit eines Kollegen. Die Maschine lieferte nicht nur das Paper, sondern erklärte freundlicherweise gleich dessen wissenschaftliche Bedeutung.

Problem: Die Erklärung war falsch.

Ungünstigerweise handelte es sich bei dem Thema – ethnische Identitäten – ausgerechnet um eines von Reimitz‘ Spezialgebieten.

Das ist ungefähr so, als würde ein Navigationsgerät einem Taxifahrer erklären, wo dessen eigene Wohnung liegt, und ihn anschließend in einen See schicken.

Reimitz tat, was Professoren in solchen Situationen tun:

Er korrigierte.

Er gab sich als Forscher zu erkennen und schlug der KI eine bessere Erklärung vor.

Sein Urteil über den Austausch: „Es war großartig!“

Damit ist vermutlich erstmals eine Situation entstanden, in der ein Professor freiwillig eine falsche Antwort korrigiert und der Student möglicherweise Millionen Serverprozesse umfasst.

Allerdings steckt darin ein ernstes Problem.

Wer eine KI korrigiert, benutzt sie nicht nur.

Er liefert möglicherweise auch neues Wissen zurück in ein System, dessen Funktionsweise, Datenflüsse und spätere Verwendung nicht immer transparent sind.

Reimitz formuliert es drastisch: Unser Wissen werde von KI-Assistenten „ständig abgesaugt“.

Das Mittelalter kann sich dagegen kaum noch wehren.

Die Mediävistik sollte es zumindest versuchen.

Von Princeton nach Wien – ohne mittelalterliche Reisezeit

Reimitz selbst kennt beide Seiten des Atlantiks.

Rund 18 Jahre arbeitete der gebürtige Wiener an der Princeton University. Nun ist er nach Österreich zurückgekehrt und wird Anfang 2027 die Leitung des Instituts für Mittelalterforschung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften übernehmen.

Die Entscheidung fiel bereits vor der zweiten Amtszeit Donald Trumps und der damit verbundenen Debatte über die amerikanische Forschungspolitik.

Für Wien habe unter anderem die größere Offenheit für Investitionen in digitale Infrastruktur gesprochen.

Den wissenschaftlichen Austausch mit Princeton will Reimitz trotzdem fortsetzen.

Er habe lange „den Ball über den Atlantik aus Princeton hin und her gespielt“, sagt er. Warum sollte das nicht auch von Wien aus funktionieren?

Für eine Disziplin, deren Forschungsgegenstände teilweise aus einer Epoche stammen, in der eine Nachricht von Wien nach Paris ungefähr die Lieferzeit eines heutigen Möbelhauses hatte, ist das durchaus bemerkenswert.

Die Maschine liest alles. Jetzt muss der Mensch nur noch verstehen, was es bedeutet

Die eigentliche Revolution der KI in der Geschichtswissenschaft könnte deshalb weniger darin bestehen, dass Computer plötzlich Geschichte „verstehen“.

Sie besteht darin, dass Maschinen Quellenmengen zugänglich machen können, die kein einzelner Mensch jemals vollständig lesen könnte.

Das verschiebt die Grenze.

Früher lautete das Problem: Welche Quellen können wir überhaupt untersuchen?

Künftig könnte es heißen: Was machen wir mit Millionen automatisch erschlossener Quellen?

Und dann wartet bereits die nächste Schwierigkeit.

Denn 300.000 gelesene Handschriften ergeben nicht automatisch 300.000-mal mehr Erkenntnis.

Jemand muss Zusammenhänge erkennen, Fehler entdecken, Quellen einordnen und Ergebnisse hinterfragen.

Mit anderen Worten:

Nachdem die Künstliche Intelligenz endlich das gesamte Mittelalter gelesen hat, braucht sie womöglich jemanden, der ihr erklärt, was eigentlich drinstand.

Praktischerweise gibt es dafür bereits einen Berufsstand.

Historiker.

0 Kommentare

Einen Kommentar abschicken

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Bildnachweis:

Paul_Henri (CC0), Pixabay

von Autor: Red. TB
am: Freitag, 04.09.2026

Diebewertung Netzwerk

Weitere Portale

Crowdinvesting Shop

Samstagszeitung - Wochenzeitung Verbraucherschutzforum Berlin

Archiv