Die Nacht auf den 1. September bringt in Österreich gleich in mehreren Bereichen Bewegung. Während Bundeskanzler Christian Stocker im ORF-Sommergespräch mit einem neuen „Zukunftsdepot“, einem Staatsfonds für Pensionen und seiner Forderung nach einem Verbot des politischen Islam für Diskussionen sorgt, herrscht auch im österreichischen Fußball kurz vor Ende der Transferperiode Hochbetrieb. Gleichzeitig kommen aus der Wirtschaft neue Warnsignale: Das Vertrauen der Industrie in den Standort Österreich sinkt weiter.
Politik: Stocker will „Zukunftsdepot“ für Kinder
Das wichtigste innenpolitische Ereignis des Abends war das ORF-Sommergespräch mit Bundeskanzler und ÖVP-Chef Christian Stocker.
Stocker stellte dabei ein neues „Zukunftsdepot“ für Kinder und Jugendliche vor. Pro Kind sollen jährlich bis zu 5.000 Euro angelegt werden können. Die Veranlagung soll nach seinen Vorstellungen von der Kapitalertragsteuer befreit sowie spesen- und gebührenfrei sein. Ziel sei ein langfristiger Vermögensaufbau für die nächste Generation.
Gleichzeitig bekräftigte der Kanzler seine Idee eines staatlichen „Zukunftsfonds“ zur langfristigen Stabilisierung des Pensionssystems. Ein Teil der Dividenden aus Staatsbeteiligungen könnte dafür verwendet werden. Stocker nannte als Größenordnung rund 700 Millionen Euro pro Jahr. Langfristig könnte nach seinen Vorstellungen ein Kapitalstock von rund 100 Milliarden Euro entstehen.
Politisch hält Stocker außerdem an seiner Forderung nach einem verfassungsrechtlichen Verbot des politischen Islam fest. Er begründete dies mit der Gefahr einer schleichenden Unterwanderung demokratischer Strukturen. Gleichzeitig räumte er angesichts schwacher Umfragewerte der ÖVP ein: „Wir müssen besser werden.“
Seine umstrittene Aussage, Kinderbetreuung sei keine Arbeit, bedauerte Stocker erneut und erklärte, die öffentliche Empörung darüber verstanden zu haben.
Scharfe Kritik an geplanter Bundesstaatsanwaltschaft
Während die Bundesregierung die Weisungsspitze der Staatsanwaltschaften aus dem Justizministerium herauslösen möchte, wächst innerhalb der Justiz der Widerstand gegen den konkreten Gesetzesentwurf.
Der Präsident des Oberlandesgerichts Linz, Helmut Katzmayr, warnt vor einem möglichen „Einfallstor für politische Interventionen“. Besonders kritisch sieht er den vorgesehenen Bestellungsmodus: Der Nationalrat soll Kandidaten für die Spitze der Bundesstaatsanwaltschaft mit einfacher Mehrheit und ohne Begründung ablehnen können.
Auch die geplante parlamentarische Kontrolle laufender Verfahren stößt auf deutliche Bedenken. Aus Sicht Katzmayrs könnte dies mit der Gewaltenteilung kollidieren.
Die Idee einer unabhängigen Bundesstaatsanwaltschaft wird innerhalb der Justiz grundsätzlich unterstützt – der derzeitige Entwurf allerdings keineswegs.
Nach Derad-Aus: „Neustart“ warnt vor Kürzungen
Eine weitere innenpolitisch relevante Entwicklung betrifft die Deradikalisierungsarbeit.
Nachdem das Justizministerium die Zusammenarbeit mit der Deradikalisierungsstelle Derad beendet hat, könnte der Bewährungshilfeverein Neustart einen Teil der Aufgaben übernehmen.
Doch ausgerechnet dieser Verein warnt gleichzeitig vor massiven finanziellen Kürzungen und möglichen Einschnitten bei der Bewährungshilfe. Damit stellt sich zunehmend die Frage, wie die Betreuung jener Personen künftig organisiert wird, die bislang von Derad begleitet wurden.
Niederösterreich: Landbauer will Grundversorgung bei Integrationsverstößen streichen
Auch aus Niederösterreich kommt eine neue politische Ansage.
FPÖ-Landeschef und Landeshauptfrau-Stellvertreter Udo Landbauer kündigte an, bei Verstößen gegen den neuen Integrationskodex zunächst die Grundversorgung zu reduzieren und sie im Wiederholungsfall vollständig streichen zu wollen.
Ab Herbst sollen Bezieher der Grundversorgung den Integrationskodex unterschreiben. Landbauer bekräftigte außerdem, dass eine vorgezogene Landtagswahl für ihn keine Option sei. Regulär wird in Niederösterreich Anfang 2028 gewählt.
Fußball Österreich: Jetzt beginnt der Transfer-Endspurt
Auch sportlich wird es spannend. Das österreichische Transferfenster ist noch bis 3. September um 17 Uhr geöffnet – und mehrere Bundesligisten arbeiten offenbar noch an Veränderungen ihrer Kader.
Rapid könnte Romeo Amane verlieren
Die größte Transfermeldung des Abends betrifft Rapid Wien.
Mittelfeldspieler Romeo Amane steht vor einem Wechsel zum belgischen Rekordmeister RSC Anderlecht. Nach Informationen von Sky Sport Austria soll zwischen den Vereinen bereits Einigkeit bestehen.
Im Raum steht eine Ablösesumme von rund sechs Millionen Euro inklusive Bonuszahlungen. Rapid soll sich außerdem eine Beteiligung an einem späteren Weiterverkauf gesichert haben. Medizincheck und letzte Vertragsdetails waren zunächst noch ausständig.
Für Rapid wäre der Abgang sportlich durchaus schmerzhaft. Der 23-Jährige entwickelte sich seit seinem Wechsel Anfang 2025 zu einem wichtigen Bestandteil der Mannschaft und steht noch langfristig bis 2029 unter Vertrag.
Salzburg vor Verpflichtung von Jesper Lindström
Auch Red Bull Salzburg könnte noch prominent nachlegen.
Der dänische Nationalspieler Jesper Lindström steht nach Sky-Informationen vor einem Wechsel vom SSC Neapel nach Salzburg. Der 26-jährige Offensivspieler verfügt über Erfahrung aus Bundesliga, Serie A und Premier League und absolvierte bereits 18 Länderspiele für Dänemark.
Der Medizincheck war für Montagabend vorgesehen. Eine offizielle Vollzugsmeldung lag zunächst noch nicht vor.
Für Salzburg wäre Lindström ein erfahrener Neuzugang für die offensiven Außenpositionen.
Taferner bleibt doch bei der WSG Tirol
Fix ist dagegen die Rückkehr von Matthäus Taferner zur WSG Tirol.
Der Vertrag des 25-jährigen Mittelfeldspielers war im Sommer ausgelaufen. Nachdem sich mehrere Möglichkeiten im In- und Ausland nicht konkretisierten, unterschrieb Taferner erneut bei den Tirolern.
In den vergangenen drei Jahren absolvierte er 89 Pflichtspiele für die WSG und gehörte zu den Leistungsträgern des Teams.
Kalajdzic muss beim LASK noch warten
Beim LASK müssen sich die Fans noch etwas gedulden, bevor Rückkehrer Sasa Kalajdzic wieder auf dem Platz steht.
Im Nachtragsspiel gegen den Wolfsberger AC am Dienstag wird der ÖFB-Stürmer noch nicht eingesetzt. Kalajdzic hatte nach seiner Rückkehr erst einmal individuell beim LASK trainiert.
Der 29-Jährige war von Wolverhampton fest verpflichtet worden und unterschrieb in Linz einen Vertrag bis 2029.
Vallci und Wimmer jeweils ein Spiel gesperrt
Die Bundesliga hat außerdem die Sperren für Albert Vallci von Sturm Graz und Nicolas Wimmer vom Wolfsberger AC festgelegt.
Beide Verteidiger müssen nach ihren Roten Karten wegen der Verhinderung einer offensichtlichen Torchance jeweils ein Spiel aussetzen.
Wimmer fehlt dem WAC im Nachtragsspiel gegen den LASK. Vallci verbüßt seine Sperre für Sturm im ÖFB-Cup gegen Voitsberg.
Salzburg wieder deutlich stärker – Austria Schlusslicht
Nach dem klaren 4:1 gegen Austria Wien zeigte sich Salzburg-Trainer Danny Röhl zufrieden mit der Entwicklung seiner Mannschaft. Gerade in der ersten Halbzeit habe Salzburg den Fußball gezeigt, den er sich vorstelle.
Für die Wiener Austria sieht es dagegen deutlich weniger erfreulich aus: Nach dem Europacup-Aus steckt der Klub nun auch in der Bundesliga am Tabellenende.
Wirtschaft: Neue Warnsignale vom Standort Österreich
Während auf politischer Ebene über Wachstum und Entlastungen diskutiert wird, kommen aus der Industrie weiterhin ausgesprochen ernste Signale.
Vertrauen der Industrie sinkt weiter
Eine aktuelle Untersuchung des Industriewissenschaftlichen Instituts zeigt, dass sich die Stimmung in der österreichischen Industrie weiter verschlechtert hat.
Der sogenannte Vertrauensindex sank von minus 12,1 im Februar auf minus 14,6 im Juni 2026. Im Durchschnitt der EU lag der entsprechende Wert bei minus 7,5.
Die negativen Einschätzungen österreichischer Industriebetriebe liegen damit nahezu doppelt so hoch wie im EU-Schnitt.
Auch bei ausländischen Investitionen sieht die Industrie Österreich im Hintertreffen. Direktinvestitionen entsprechen hierzulande laut der zitierten Untersuchung rund 44 Prozent des BIP, während der EU-Schnitt bei 81 Prozent liegt.
Die metalltechnische Industrie fordert deshalb niedrigere Steuern und Abgaben sowie insbesondere eine Senkung der Lohnnebenkosten.
Besonders alarmierend: Bereits im Juli hatte die niederösterreichische Industrie davor gewarnt, dass mehr als 40 Prozent der befragten Betriebe darüber nachdenken, mittelfristig zumindest Teile ihrer Produktion ins Ausland zu verlagern.
Hellweg: Letzte vier Baumärkte vor Schließung
Neue schlechte Nachrichten gibt es auch aus dem Handel.
Im Insolvenzverfahren der österreichischen Tochter der Baumarktkette Hellweg wurde die gerichtliche Schließung der letzten vier Standorte beantragt.
Betroffen sind Straßwalchen, Ried im Innkreis, Kirchdorf an der Krems und Graz-Eggenberg. Insgesamt arbeiten dort 116 Beschäftigte.
Allerdings besteht noch Hoffnung: Die Standorte sollen nach Möglichkeit geordnet an einen Investor übergeben und mit eigenem Warenbestand weitergeführt werden. Auch die Beschäftigten könnten in diesem Fall übernommen werden.
Die österreichische Hellweg-Tochter befindet sich seit Ende Juni in einem Sanierungsverfahren mit Eigenverwaltung. Die Verbindlichkeiten wurden mit knapp 24 Millionen Euro angegeben.
Arbeitsministerin will Frauen und Ältere stärker in Beschäftigung bringen
Arbeitsministerin Korinna Schumann sieht gleichzeitig erhebliches Potenzial zur Bekämpfung des Fachkräftemangels.
Laut einer WIFO-Studie droht zwischen 2024 und 2029 eine Lücke von rund 51.000 Arbeitskräften im mittleren Qualifikationsbereich.
Schumann sieht vor allem bei Frauen und älteren Beschäftigten bislang ungenutzte Möglichkeiten. Während zuletzt 81 Prozent der beschäftigten Männer in Vollzeit arbeiteten, waren es bei Frauen lediglich 46 Prozent.
Das AMS soll deshalb weiterhin überproportional Fördermittel für Frauen einsetzen. Für ältere Arbeitnehmer spricht sich Schumann zudem für ein Bonus-Malus-System aus, um Unternehmen stärker zur Beschäftigung älterer Mitarbeiter zu bewegen. Innerhalb der Koalition gibt es dafür bislang allerdings keine Einigung.
Das Zukunftsdepot wird auch wirtschaftspolitisch interessant
Stockers am Abend präsentierte Idee eines Zukunftsdepots könnte gleichzeitig zu einem größeren wirtschaftspolitischen Thema werden.
Bis zu 5.000 Euro jährlich sollen Eltern nach der derzeitigen Vorstellung steuerbegünstigt für ihre Kinder investieren können. Die Entnahme beziehungsweise Erträge sollen von der Kapitalertragsteuer befreit werden.
Damit würde die Bundesregierung erstmals einen stärkeren steuerlichen Anreiz schaffen, bereits für Minderjährige langfristig Kapitalmarktvermögen aufzubauen.
Fazit: Ein Abend mit vielen offenen Baustellen
Die vergangenen zwölf Stunden zeigen ziemlich deutlich, welche Themen Österreich in den kommenden Wochen beschäftigen werden.
Politisch versucht Christian Stocker, der ÖVP mit Migration, Sicherheit und neuen Vorsorgemodellen wieder ein klareres Profil zu geben. Gleichzeitig stößt eines der wichtigsten Justizprojekte der Regierung auf massiven Widerstand ausgerechnet innerhalb der Justiz.
Im Fußball beginnt der Endspurt auf dem Transfermarkt. Rapid könnte mit Romeo Amane einen wichtigen Spieler verlieren, Salzburg arbeitet offenbar an einem prominenten Neuzugang und bei mehreren Klubs werden die letzten Kaderentscheidungen getroffen.
Und wirtschaftlich bleiben die Signale widersprüchlich: Während über neue Vorsorgemodelle und zusätzliche Arbeitskräfte gesprochen wird, warnt die Industrie vor einem dramatischen Vertrauensverlust in den Standort und mit Hellweg steht die nächste bekannte Handelskette vor weiteren Schließungen.
Der politische und wirtschaftliche Herbst hat noch gar nicht richtig begonnen – ruhig dürfte er jedenfalls nicht werden.


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