Bevor David Bowie zur Ikone wurde, bevor Ziggy Stardust die Bühnen eroberte, bevor „Space Oddity“ ihn unsterblich machte, war da ein 17-jähriger Junge namens David Jones.
Und schon damals war klar: Dieser Junge würde sich niemals einfach einordnen.
Am 12. November 1964 saß er in einem BBC-Studio und sprach über etwas, das heute beinahe harmlos wirkt: lange Haare bei Männern. Doch in den 1960er-Jahren waren sie für viele weit mehr als eine Frisur. Sie galten als Provokation, als Auflehnung, als sichtbares Zeichen dafür, dass eine junge Generation nicht länger bereit war, sämtliche Regeln ihrer Eltern einfach zu übernehmen.
David Jones hatte deshalb eine scherzhaft klingende „Gesellschaft zur Verhinderung von Grausamkeiten gegenüber langhaarigen Männern“ gegründet.
Der Auftritt hatte Witz. Wahrscheinlich war er auch ein Stück cleverer Selbstvermarktung.
Doch hinter dem Spaß steckte etwas sehr Ernstes.
Bowie erzählte von den Beleidigungen, denen junge Männer mit langen Haaren ausgesetzt waren. Von spöttischen Bemerkungen, von Menschen, die ihnen ihre Männlichkeit absprechen wollten. Seine Forderung war im Grunde einfach: Lasst uns sein, wie wir sein wollen.
Rückblickend wirkt dieser kurze Fernsehauftritt fast wie eine Vorahnung auf sein gesamtes Leben.
Er wollte nicht dazugehören – er wollte er selbst sein
Heute betrachtet man die Bilder dieses 17-Jährigen und fragt sich beinahe, worüber sich die Menschen damals überhaupt aufregten. Seine Haare erscheinen nach heutigen Maßstäben kaum außergewöhnlich.
Doch damals konnten solche Äußerlichkeiten echte Konsequenzen haben.
Schüler wurden wegen zu langer Haare von Schulen verwiesen. Jugendliche bekamen Probleme am Arbeitsplatz. Noch 1969 legten Mitarbeiter eines britischen Unternehmens die Arbeit nieder, weil ein 20-jähriger Kollege sich weigerte, seine Haare schneiden zu lassen.
Es ging also nie wirklich nur um Haare.
Es ging darum, wer entscheiden darf, wie ein Mensch auszusehen hat.
Und genau an dieser Stelle erkennt man bereits den späteren David Bowie.
Er erklärte damals, er verstehe nicht, warum Menschen wegen ihrer Haare verfolgt oder ausgegrenzt werden sollten. Wenn jemand deshalb seine Arbeit verliere oder aus einem Lokal geworfen werde, wollte seine Gruppe dagegen protestieren.
Ein Teenager, noch Jahre vom Weltruhm entfernt, stellte damit eine Frage, die seine Kunst später immer wieder prägen sollte:
Warum soll ein Mensch sich verändern müssen, nur damit andere sich wohler fühlen?
Aus David Jones wurde David Bowie
Der junge Musiker hatte zu diesem Zeitpunkt noch keine Ahnung, wie oft er sich selbst neu erfinden würde.
Er probierte verschiedene Bands aus, wechselte zwischen Mod-Look und Hippie-Ästhetik, suchte nach einem musikalischen Stil und letztlich auch nach sich selbst.
Sogar seinen Namen musste er verändern. Weil mit Davy Jones von den Monkees bereits ein anderer Sänger bekannt war, wurde aus David Jones schließlich David Bowie.
1969 kam dann der Durchbruch.
„Space Oddity“.
Major Tom.
Der Beginn einer Karriere, die Popmusik für immer verändern sollte.
Doch vielleicht war dieser Erfolg nur möglich, weil Bowie etwas besaß, das man schon 1964 erkennen konnte:
den Mut, sich nicht von der Meinung anderer bestimmen zu lassen.
Aus Spott wurde Freiheit
Jahre später ging Bowie viel weiter, als es seine Kritiker aus Teenagerzeiten vermutlich für möglich gehalten hätten.
Auf dem Cover von „The Man Who Sold the World“ trug er ein Kleid.
Dann kam Ziggy Stardust.
Androgyn. Fremdartig. Glamourös. Sexuell uneindeutig. Eine Figur, die mit beinahe jeder gesellschaftlichen Erwartung an Männlichkeit spielte.
Und plötzlich wurden Menschen, die sich selbst zuvor als Außenseiter erlebt hatten, durch einen der größten Popstars der Welt sichtbar.
Bowie versteckte das Anderssein nicht.
Er machte daraus Kunst.
Was andere als Schwäche, Seltsamkeit oder Provokation betrachteten, verwandelte er in Schönheit, Stil und Stärke.
Vielleicht erklärt das bis heute einen Teil der tiefen Verbindung, die so viele Menschen zu ihm empfinden.
Bowie vermittelte nicht: „Werde wie ich.“
Seine Botschaft war vielmehr:
Du darfst du selbst sein.
Hinter Major Tom steckte Einsamkeit
Doch bei all den schillernden Figuren und spektakulären Kostümen gab es bei Bowie immer auch eine verletzliche Seite.
Später erzählte er, wie sehr ihn als jungen Menschen das Gefühl der Isolation beschäftigt hatte. Stanley Kubricks „2001: A Space Odyssey“ faszinierte ihn auch deshalb.
Bowie beschrieb dieses typische Gefühl eines Jugendlichen, überzeugt zu sein, niemand auf der Welt könne verstehen, wie einsam man sei.
Daraus entstand für ihn auch eine Verbindung zu Major Tom – jenem Astronauten, der irgendwo im All schwebt, getrennt von der Welt.
Bowie sah darin etwas von sich selbst.
Und vielleicht liegt genau darin das Geheimnis seiner Kunst.
Hinter all den Masken stand immer ein Mensch, der wusste, wie es sich anfühlt, anders zu sein.
Er hatte keine Angst vor Veränderung
Andere Künstler finden irgendwann ihren Stil und halten daran fest.
Bowie tat beinahe das Gegenteil.
Glam Rock.
Soul.
Elektronische Musik.
Post-Punk.
Pop.
Industrial Rock.
Drum and Bass.
Er änderte seine Kleidung, seine Musik, seine Figuren, manchmal sogar seine Stimme.
Und trotzdem blieb etwas konstant:
seine Neugier.
Bowie schien Veränderung nicht als Verlust zu begreifen, sondern als Möglichkeit.
Vielleicht war gerade deshalb seine Karriere so lang. Er versuchte nie verzweifelt, der Bowie von gestern zu bleiben.
Und selbst beim Internet sah er früher als viele andere, was kommen würde
1999 wurde Bowie gefragt, was ihn als jungen Menschen zur Musik gezogen hatte.
Seine Antwort war bemerkenswert: Musik sei für ihn rebellisch gewesen.
Würde er damals noch einmal von vorne anfangen, sagte er, wäre wahrscheinlich das Internet sein Medium.
Er beschrieb das Netz als rebellisch, chaotisch und subversiv. Zugleich warnte er davor, dass seine Auswirkungen auf die Gesellschaft sowohl faszinierend als auch erschreckend sein könnten.
Zu einer Zeit, als viele Menschen das Internet noch hauptsächlich als technische Spielerei betrachteten, sagte Bowie sinngemäß: Wir haben noch nicht einmal die Spitze des Eisbergs gesehen.
Heute wirken diese Worte beinahe unheimlich vorausschauend.
Ein langer Weg vom verspotteten Jugendlichen zur Ikone
Besonders schön ist deshalb eine Geschichte aus Bowies späterem Leben.
Er traf den damaligen britischen Premierminister Tony Blair.
Bowie erschien in schwarzem Anzug, mit Priesterkragen – und in Damen-High-Heels.
Blair reagierte nicht.
Kein Spott. Keine Empörung. Keine große Szene.
Man könnte diese kleine Begegnung beinahe als Schlussbild seiner Geschichte verstehen.
1964 musste sich ein 17-Jähriger im Fernsehen dafür rechtfertigen, dass seine Haare ein wenig länger waren.
Jahrzehnte später stand derselbe Mann in Frauenabsätzen vor einem britischen Premierminister – und niemand musste mehr erklären, warum.
Natürlich hat Bowie die Gesellschaft nicht allein verändert.
Aber er gehörte zu denen, die Grenzen sichtbar machten, sie überschritten und dadurch ein Stück verschoben.
Bowie blieb der Junge aus dem BBC-Studio
Vielleicht ist das Bewegendste an diesen alten Aufnahmen deshalb nicht die Frisur.
Es ist der Blick dieses 17-Jährigen.
Da sitzt noch kein Weltstar.
Kein Ziggy Stardust.
Keine Musiklegende.
Da sitzt ein junger Mensch, der offenbar schon sehr früh verstanden hatte, dass Freiheit auch bedeutet, die eigene Persönlichkeit nicht danach auszurichten, was andere für akzeptabel halten.
Später würde David Bowie unzähligen Menschen Mut machen, sich selbst zu zeigen – den Außenseitern, den Unsicheren, denjenigen, die sich nirgendwo richtig zugehörig fühlten.
Und vielleicht begann all das tatsächlich schon mit dieser kleinen, etwas frechen Aktion eines Teenagers mit vermeintlich zu langen Haaren.
David Bowie wurde nicht erst als Superstar zum Rebellen. Der Rebell war schon immer da.


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