Flucht aus dem Leistungsdruck: Warum Chinas Jugendliche sich mit Medikamenten betäuben

Flucht aus dem Leistungsdruck: Warum Chinas Jugendliche sich mit Medikamenten betäuben

Veröffentlicht

Mittwoch, 26.08.2026
von Red. TB

Sie sind jung, ehrgeizig – und erschöpft. In China greifen immer mehr Jugendliche zu verschreibungspflichtigen Medikamenten, nicht weil sie krank sind, sondern weil sie für ein paar Stunden nichts mehr fühlen wollen.

Hinter dem gefährlichen Trend steckt offenbar weniger Abenteuerlust als Verzweiflung. Schulstress, Prüfungsangst, familiäre Erwartungen und die Sorge um die eigene Zukunft bringen manche Jugendliche an ihre Grenzen. Die BBC stieß in sozialen Netzwerken und Chatgruppen auf zahlreiche junge Menschen, die Medikamente missbrauchen, um der Realität wenigstens vorübergehend zu entkommen.

„Ich wollte vor der Realität davonlaufen“

Eine von ihnen ist die unter geändertem Namen berichtete Xiaomei.

Sie war 14 Jahre alt und gehörte zu den leistungsstarken Schülerinnen ihrer Schule, als sie erstmals eine große Menge eines verschreibungspflichtigen Medikaments einnahm. Was zunächst aus dem Wunsch entstand, sich zu entspannen und einem älteren Jungen zu imponieren, entwickelte sich zu einem gefährlichen Muster.

Bald suchte sie immer wieder nach dem Gefühl der Benommenheit. Vor allem dann, wenn der Druck in der Schule zu groß wurde, eine Prüfung schlecht ausgefallen war oder es Streit mit den Eltern gab.

Zwei Jahre lang nahm sie immer wieder Medikamente, die ihr nie verschrieben worden waren. Sie kaufte sie im Internet.

Hinter dem Verhalten stand ein Satz, der das ganze Problem zusammenfasst:

Sie wollte der Realität entkommen.

Wenn eine schlechte Note sich wie ein zerstörtes Leben anfühlt

Chinas Bildungssystem gehört zu den wettbewerbsintensivsten der Welt.

Für viele Jugendliche entscheiden Prüfungen darüber, welche Schule sie besuchen können, ob sie in einer Eliteklasse bleiben und später einen begehrten Studienplatz bekommen.

Xiaomei beschreibt ein System, in dem schlechte Leistungen unmittelbar Konsequenzen haben. Wer mit seinen Noten abrutscht, kann aus einer Spitzenklasse ausgeschlossen werden.

Für Jugendliche entsteht dadurch schnell das Gefühl, eine Prüfung entscheide nicht nur über eine Note – sondern über den Wert des gesamten Lebens.

Der chinesische Soziologe Xiang Biao sieht darin ein strukturelles Problem.

Viele Schülerinnen und Schüler verbringen neun oder zehn Stunden täglich in der Schule. Gleichzeitig gebe es wenig Gelegenheit, soziale Beziehungen aufzubauen oder andere Vorstellungen davon kennenzulernen, wie ein gelungenes Leben aussehen könne.

Hinzu kommt der Druck aus den Familien.

Durch die jahrzehntelange Ein-Kind-Politik haben viele Eltern nur ein Kind. Auf diesem einen Sohn oder dieser einen Tochter lasten dadurch mitunter die Hoffnungen einer ganzen Familie.

Gefährliche Gemeinschaften im Internet

Besonders beunruhigend ist, dass der Medikamentenmissbrauch längst nicht nur im Verborgenen stattfindet.

In Onlinegruppen tauschen Jugendliche Erfahrungen aus. Die BBC fand dort Diskussionen über verschiedene Medikamente und darüber, wie deren Wirkung verstärkt werden könne. Teilweise wurden Möglichkeiten besprochen, Kontrollen zu umgehen.

Die chinesischen Behörden versuchen gegenzusteuern. Medikamente, die unter Jugendlichen besonders häufig missbraucht wurden, unterliegen inzwischen strengeren Vorschriften.

Doch sobald eine Substanz schwieriger erhältlich wird, suchen manche Jugendliche offenbar nach Alternativen. Auch eine Untersuchung für ein Institut des chinesischen Justizministeriums kam zu dem Ergebnis, dass nicht regulierte Substanzen leicht erhältlich bleiben und Konsumenten schnell auf andere Mittel ausweichen.

Damit entsteht ein kaum zu gewinnendes Katz-und-Maus-Spiel.

Ein Medikament wird eingeschränkt.

Das nächste taucht auf.

Ein Problem, das Statistiken nur schwer zeigen

Offiziell scheint China im Kampf gegen illegale Drogen Fortschritte zu machen. Die Zahl neu registrierter Drogenkonsumenten unter 35 Jahren sank nach offiziellen Angaben 2025 deutlich.

Doch diese Statistik erzählt möglicherweise nur einen Teil der Geschichte.

Chinas Nationale Drogenkontrollkommission hat selbst eingeräumt, dass der Missbrauch verschreibungspflichtiger Arzneimittel zunimmt – besonders unter Minderjährigen.

Das Problem lässt sich nur schwer beziffern.

Viele Jugendliche tauchen in keiner offiziellen Statistik auf. Sie kaufen Medikamente online, verstecken ihren Konsum vor den Eltern und tauschen sich in privaten Chatgruppen aus.

Als aus Betäubung Lebensgefahr wurde

Bei Xiaomei eskalierte die Situation kurz vor einer wichtigen Aufnahmeprüfung.

Die Medikamente beeinträchtigten bereits ihr Gedächtnis. Sie beschrieb ihr Leben als dauerhaften Zustand der Benommenheit.

Dann nahm sie eines Tages so viele Tabletten, dass sie Angst bekam, ernsthaft krank zu werden.

Zunächst wollte sie ihren Eltern nichts erzählen.

Doch ihr Zustand verschlechterte sich so sehr, dass sie schließlich Hilfe holen musste.

Was danach geschah, überraschte sie.

Ihre Eltern schrien sie nicht an.

Sie machten ihr keine Vorwürfe.

Sie hörten zu.

Für Xiaomei wurde genau das zum Wendepunkt.

Vielleicht ist Zuhören wichtiger als noch mehr Kontrolle

Experten sehen deshalb hinter dem Medikamentenproblem eine größere Krise.

Es reicht möglicherweise nicht aus, Medikamente stärker zu kontrollieren oder Onlinehändler zu sperren. Entscheidend sei vielmehr die Frage, warum Jugendliche überhaupt das Bedürfnis entwickeln, sich selbst zu betäuben.

Xiang Biao sagt, viele Kinder bekämen zwar sehr viel Aufmerksamkeit – aber nicht unbedingt die Art von Aufmerksamkeit, die sie benötigen.

Sie wollten gefragt werden:

Wie geht es dir?

Fühlst du dich einsam?

Hast du Angst?

Stattdessen hören viele Jugendliche offenbar vor allem, sie müssten stärker sein und mehr leisten.

Eine psychische Krise hinter dem Leistungswettbewerb

Die Zahlen zur psychischen Gesundheit junger Menschen in China sind alarmierend.

Eine Studie für Chinas „Mental Health Blue Book“ kam 2023 zu dem Ergebnis, dass fast 95 Millionen Menschen im Land an Depressionen leiden. Mehr als 30 Prozent davon waren demnach jünger als 18 Jahre.

Die Regierung hat das Problem inzwischen erkannt.

Schulen sollen Beratungsräume anbieten, in jedem Landkreis soll mindestens ein Krankenhaus psychiatrische Versorgung bereitstellen, und bis 2030 soll ein landesweites System für psychologische Unterstützung und Krisenintervention aufgebaut werden.

Nach Angaben des chinesischen Staatsrats verfügen inzwischen 92 Prozent der Grundschulen und 95 Prozent der unteren Mittelschulen über Beratungspersonal.

Doch es fehlt vor allem an Fachleuten für Kinder und Jugendliche.

Eine im „Lancet“ veröffentlichte Untersuchung kam für 2020 auf lediglich rund 500 entsprechend qualifizierte Kinderpsychiater im gesamten Land – viele davon in Metropolen wie Peking oder Shanghai.

Selbst ein Studium garantiert keine sichere Zukunft mehr

Der Druck auf Jugendliche trifft zudem auf eine Gesellschaft, deren altes Erfolgsversprechen brüchig geworden ist.

Für die Generation ihrer Eltern galt lange eine einfache Formel:

Lerne fleißig, arbeite hart – dann wirst du belohnt.

Für junge Chinesinnen und Chinesen gilt das längst nicht mehr automatisch.

Auch gute Noten und ein Universitätsabschluss garantieren keinen Arbeitsplatz. Die Wirtschaft hat sich nach den harten Pandemiejahren nur mühsam erholt, und die Jugendarbeitslosigkeit bleibt ein erhebliches Problem.

Damit entsteht ein bitterer Widerspruch:

Junge Menschen sollen immer mehr leisten – während gleichzeitig immer unsicherer wird, ob sich diese Leistung am Ende auszahlt.

Xiaomei hatte Glück

Heute beschreibt Xiaomei die Reaktion ihrer Eltern als entscheidenden Moment.

Früher habe sie sich allein und unverstanden gefühlt. Erst nach ihrer Einlieferung ins Krankenhaus hätten ihre Eltern wirklich begonnen, mit ihr zu sprechen und ihr zuzuhören.

Das Gefühl, jemanden an ihrer Seite zu haben, habe ihr geholfen.

Sogar jene Prüfung, vor der sie so große Angst gehabt hatte, konnte sie schließlich erfolgreich bewältigen.

Nicht jeder Jugendliche hat dieses Glück.

Ein heute 22-jähriger ehemaliger Betroffener berichtet, dass er jahrelang mit Depressionen und Medikamentenmissbrauch kämpfte und mehrfach überdosierte. Inzwischen versucht er über soziale Medien andere junge Menschen davor zu warnen, denselben Weg einzuschlagen.

Hinter dem Medikamentenmissbrauch steckt ein Hilferuf

Die Geschichte dieser Jugendlichen ist deshalb nicht nur eine Geschichte über Medikamente.

Sie handelt von jungen Menschen, die glauben, funktionieren zu müssen.

Von Eltern, die das Beste für ihre Kinder wollen und dabei manchmal übersehen, wie groß deren Angst geworden ist.

Von einem Bildungssystem, das Erfolg belohnt, aber Scheitern für manche beinahe unerträglich erscheinen lässt.

Und von einer Generation, die gelernt hat, für Prüfungen Antworten zu finden – aber oft nicht weiß, wohin mit Einsamkeit, Zukunftsangst und Überforderung.

China kann Medikamente stärker kontrollieren.

Es kann Onlinehandel einschränken.

Es kann neue Beratungsstellen eröffnen.

Doch die schwierigste Frage lässt sich mit keinem Gesetz beantworten:

Was muss passieren, damit ein 14-jähriges Kind nicht mehr das Gefühl hat, die Realität nur ertragen zu können, wenn es nichts mehr fühlt?

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qimono (CC0), Pixabay

von Autor: Red. TB
am: Mittwoch, 26.08.2026

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