Früher war LARP etwas für Menschen, die sich am Wochenende einen Umhang anzogen, ein Plastikschwert schnappten und irgendwo im Wald einen Ork verprügelten.
Heute braucht man dafür weder Wald noch Ork.
Ein Smartphone reicht.
Denn die Generation Z hat das Wort „larping“ kurzerhand aus der Fantasy-Welt entführt und in den ganz normalen Alltag gesteckt.
Die neue Bedeutung lautet ungefähr:
Du spielst da gerade eine Rolle, die dir eigentlich gar nicht gehört.
Wer einmal zum Pilates geht, hauptsächlich um danach ein Foto mit Matcha hochzuladen, „larpt“ das Pilates-Girl.
Wer vier Wochen Praktikum macht und danach auf LinkedIn klingt wie der Vorstandsvorsitzende eines DAX-Konzerns, „larpt“ das Corporate Life.
Und wer für einen Nachmittag nach Manhattan fährt, dort einen Kaffee trinkt und anschließend zehn Storys mit „NYC is my home“ hochlädt, der „larpt“ eben New York.
Früher sagte man Poser.
Heute sagt man LARPer.
Klingt moderner und ein bisschen so, als müsste man dafür einen Helm tragen.
Hauptsache echt – aber bitte perfekt echt
Das Schöne an sozialen Medien ist ja bekanntlich, dass dort alle Menschen völlig natürlich sind.
Das Foto beim Sport ist spontan.
Der Blick aus dem Fenster ist zufällig.
Das Buch auf dem Tisch lag da natürlich schon immer.
Und der Matcha steht selbstverständlich nur wegen des Geschmacks daneben und keinesfalls, weil er farblich zum Pullover passt.
Gen Z hat für diese sehr spontane Spontaneität nun einen Namen gefunden.
Larping.
Der Vorwurf dahinter:
Du bist nicht wirklich so.
Du spielst es nur.
Problematisch ist nur: Wo hört Ausprobieren auf und wo fängt Schauspielerei an?
Wenn jemand zum ersten Mal Yoga macht, „larpt“ er dann Yoga?
Wenn jemand einen Anzug anzieht, obwohl er sonst Jogginghose trägt, „larpt“ er dann seriös?
Und wenn ich beim Italiener „Buonasera“ sage, obwohl mein Italienisch danach endet, spiele ich dann schon einen Römer?
Fragen über Fragen.
Das Internet ist inzwischen eine riesige Talentshow
Natürlich hat das Ganze einen ernsten Hintergrund.
Denn soziale Medien leben davon, dass Menschen sich präsentieren.
Wer besonders reich, schön, fit, erfolgreich oder entspannt aussieht, bekommt Aufmerksamkeit.
Also wird optimiert.
Der Urlaub wirkt exotischer.
Die Wohnung größer.
Der Freundeskreis glamouröser.
Das Leben entspannter.
Und plötzlich sieht der Dienstagvormittag eines ganz normalen Menschen online aus wie eine Mischung aus Luxusreise, Modenschau und Unternehmensgründung.
Dabei sitzt die Person vielleicht fünf Minuten später im Pyjama auf dem Sofa und sucht nach „Nudeln Lieferdienst Rabattcode“.
Das sieht nur keiner.
Gen Z glaubt inzwischen sowieso niemandem mehr
Das Interessante daran:
Gerade junge Menschen sind inzwischen enorm misstrauisch gegenüber dem, was sie online sehen.
Und irgendwie verständlich.
Influencer verkaufen Hautcremes, obwohl ein Filter die Haut glättet.
Menschen präsentieren Luxusautos, die vielleicht nur für 20 Minuten gemietet wurden.
Andere zeigen Traumreisen, für die sie anschließend drei Monate Dispo brauchen.
Und mittlerweile kann sogar künstliche Intelligenz Menschen, Stimmen und ganze Lebensläufe erschaffen.
Da bekommt die Frage „Ist das echt?“ plötzlich eine ganz neue Bedeutung.
Das Wort „larping“ ist deshalb auch eine kleine Misstrauenserklärung an die perfekte Internetwelt.
Sinngemäß:
Netter Versuch, Kevin. Aber wir wissen alle, dass du nicht plötzlich Investmentbanker bist, nur weil du einmal Hemd trägst.
Das Problem: Irgendwann darf keiner mehr Anfänger sein
Ganz harmlos ist der Trend allerdings nicht.
Denn wenn jedes neue Hobby sofort als „Larping“ verspottet wird, entsteht irgendwann eine merkwürdige Welt.
Niemand darf mehr Anfänger sein.
Du gehst zum ersten Mal ins Fitnessstudio?
LARPer.
Du fängst an zu joggen?
Running-LARPer.
Du kaufst dir eine Kamera und machst Fotos?
Fotografen-LARPer.
Du trinkst einmal Espresso statt Filterkaffee?
Italien-LARPer.
So funktioniert Lernen natürlich eher schlecht.
Menschen probieren Dinge aus.
Manchmal bleibt etwas hängen.
Manchmal nicht.
Manchmal kauft man für ein neues Hobby für 600 Euro Ausrüstung und merkt drei Wochen später, dass man das Hobby überhaupt nicht mag.
Das ist keine Identitätskrise.
Das ist ein völlig normaler Samstag im Fachhandel.
Bloß nicht „cringe“ wirken
Hinter dem Begriff steckt noch ein anderes Gen-Z-Phänomen:
die Angst, peinlich zu wirken.
Man soll authentisch sein.
Aber nicht zu authentisch.
Selbstbewusst.
Aber nicht arrogant.
Begeistert.
Aber bloß nicht zu begeistert.
Lässig.
Aber natürlich so lässig, dass jeder merkt, wie viel Mühe man sich mit der Lässigkeit gegeben hat.
Kurz gesagt:
Man soll einfach man selbst sein.
Nur bitte in einer Version, die der Algorithmus akzeptiert.
Und wer dabei etwas zu sichtbar ausprobiert, bekommt schnell das Etikett „LARPer“.
Vielleicht larpen wir sowieso alle
Wenn man streng ist, könnte man allerdings feststellen:
Menschen larpen seit Jahrhunderten.
Beim Bewerbungsgespräch larpt man „hochmotivierter Mitarbeiter“.
Beim ersten Date larpt man „Mensch ohne schlechte Angewohnheiten“.
Beim Besuch der Schwiegereltern larpt man „Ich esse wirklich alles“.
Und beim Elternabend larpt wahrscheinlich mindestens einer „Ich habe mein Leben vollständig im Griff“.
Der Unterschied ist nur:
Früher passierte das alles ohne Ringlicht.
Vielleicht hat Gen Z also gar kein neues Verhalten entdeckt.
Nur ein herrlich passendes Wort dafür.
Und ganz ehrlich:
Wer heute erklärt, dass er niemals larpt, sollte vorsichtig sein.
Denn möglicherweise larpt er gerade einfach nur Authentizität.


0 Kommentare