Wieder an guten Mann vergrault – Wien verliert seinen letzten Weinkeller-Diplomaten

Wieder an guten Mann vergrault – Wien verliert seinen letzten Weinkeller-Diplomaten

Veröffentlicht

Donnerstag, 30.07.2026
von Red. TB

Na bravo. Jetzt is er weg, der Walter Ruck.

Der Präsident der Wiener Wirtschaftskammer, Obmann vom Wirtschaftsbund und offenbar nebenberuflich auch Innenarchitekt für politische Hinterzimmer zieht sich ins Privatleben zurück. Seine Ämter übernimmt Margarete Kriz-Zwittkovits.

Und warum das Ganze?

Weil heutzutage offenbar schon ein bisserl Gerede im eigenen Weinkeller reicht, damit einem gleich Partei, Kammer, Kanzler und halbes Wien die Tür weisen.

Früher hat man in Wien gesagt: „Was im Weinkeller gesprochen wird, bleibt im Weinkeller.“

Heute heißt es: „Was im Weinkeller gesprochen wird, steht morgen im Profil.“

Wieder einmal hat man einen guten Mann vergrault

Man muss das schon verstehen: Da arbeitet einer jahrelang für die Wiener Wirtschaft, sitzt in unzähligen Sitzungen, eröffnet Veranstaltungen, schüttelt Hände, hält Reden und weiß vermutlich sogar, wo im Kammergebäude die guten Kipferln stehen.

Und dann soll alles vorbei sein, nur weil Gesprächsprotokolle auftauchen, in denen angeblich von Einfluss, Listenerstellungen, Befehlen und wenig schmeichelhaften Bemerkungen die Rede ist.

Ja mei.

Wenn jeder Wiener Politiker wegen großspuriger Aussagen im kleinen Kreis zurücktreten müsste, könnten wir das Rathaus am Montag zusperren und am Dienstag in Eigentumswohnungen umwandeln.

Der Weinkeller als politisches Hochsicherheitsgebiet

Die Unterhaltung soll in Rucks Weinkeller stattgefunden haben.

Ein Weinkeller!

Also bitte. Das ist in Österreich doch traditionell ein rechtsfreier Raum zwischen Geselligkeit, Selbstüberschätzung und der dritten Flasche Veltliner.

Da wird nicht protokolliert. Da wird geraunzt, übertrieben und am nächsten Morgen so getan, als wär nichts gewesen.

Aber offenbar braucht man heutzutage beim Öffnen einer Weinflasche bereits einen Datenschutzbeauftragten, zwei Zeugen und eine Verschwiegenheitserklärung.

Vielleicht sollte künftig vor jedem Kellerabgang ein Schild hängen:

„Achtung: Alles, was Sie ab dem zweiten Achterl sagen, kann gegen Sie verwendet werden.“

„Ich habe keinen Weinkeller“

Die neue Präsidentin Margarete Kriz-Zwittkovits hat jedenfalls klargestellt: Sie habe keinen Weinkeller, sondern offene Türen.

Das ist einmal ein politisches Programm.

Andere reden von Wirtschaftsreformen, Digitalisierung und Entlastung der Betriebe. In Wien genügt neuerdings die Feststellung, dass im eigenen Haus kein unterirdischer Raum zur Lagerung alkoholischer Getränke vorhanden ist.

Damit ist die wichtigste Qualifikationsfrage für öffentliche Ämter offenbar geklärt:

„Haben Sie einen Weinkeller?“

„Nein.“

„Ausgezeichnet, Sie sind eingestellt.“

Wobei offene Türen auch nicht ganz ungefährlich sind. Durch die kann schließlich jeder hereinkommen – möglicherweise sogar mit einem Aufnahmegerät.

Erst Rückendeckung, dann Neuanfang

Besonders elegant ist natürlich, dass Kriz-Zwittkovits ihrem bisherigen Chef zunächst öffentlich den Rücken gestärkt hat und nun den Neubeginn organisieren soll.

Das ist österreichische Kontinuität in ihrer schönsten Form.

Man wechselt die Person an der Spitze, behält aber möglichst alle Beteiligten, Strukturen und Erklärungen bei – und nennt das dann Reform.

Wie beim Heurigen: neues Tischtuch, gleiche Rechnung.

Die neue Präsidentin will die Kammer wieder in ruhiges Fahrwasser bringen. Das ist vernünftig. Wobei man sich schon fragt, ob das Schiff wirklich einen neuen Kapitän bekommen hat oder bloß jemand anderer das Namensschild an der Kabinentür trägt.

Die ÖVP entdeckt plötzlich die Konsequenz

Auch Bundeskanzler Christian Stocker zeigte sich erleichtert. Der Rücktritt sei überfällig gewesen, nachdem Ruck bereits aus der ÖVP ausgeschlossen worden war.

Das muss man der Partei lassen: Wenn sie einmal Konsequenzen zieht, dann gleich ordentlich.

Zuerst jahrelang gemeinsam arbeiten, dann innerhalb weniger Tage ausschließen, distanzieren und erklären, man habe eigentlich immer schon gewusst, dass das so nicht weitergehen könne.

Das ist ungefähr so glaubwürdig wie ein Wirt, der nach der Polizeikontrolle sagt:

„Den Schnaps da hinten hab ich noch nie gesehen.“

Alle sind empört – manche sogar glaubhaft

FPÖ, Grüne, NEOS und Teile der ÖVP sind sich ausnahmsweise einig: Der Rücktritt war überfällig.

Wenn in Österreich alle Parteien dasselbe sagen, sollte man grundsätzlich vorsichtig werden. Entweder ist wirklich etwas passiert – oder irgendwo steht eine Kamera.

Die FPÖ spricht vom schwarz-roten System der Packelei. Die Grünen kritisieren Bürgermeister Ludwig. Die NEOS wollen Reformen. Und die ÖVP möchte plötzlich eine neue politische Kultur.

Es fehlt eigentlich nur noch, dass die Wirtschaftskammer selbst eine Veranstaltung zum Thema Sparsamkeit organisiert – mit Buffet für 8.700 Euro.

Bürgermeister Ludwig kennt ihn anders

Michael Ludwig wiederum erklärte, er kenne Walter Ruck als umsichtigen und vertrauensvollen Gesprächspartner.

Das ist wahrscheinlich sogar richtig.

In Wien kennt jeder jeden anders.

Der eine kennt ihn aus Verhandlungen, der andere vom Empfang, der Dritte aus dem Weinkeller und der Vierte nur aus den Gesprächsprotokollen.

So entsteht am Ende ein vollständiges Persönlichkeitsbild – wie ein Puzzle, bei dem jedes Teil aus einer anderen Parteizentrale kommt.

Und was bleibt?

Walter Ruck zieht sich ins Privatleben zurück.

Dort darf er künftig vermutlich wieder reden, was er will – sofern er vorher sämtliche Mobiltelefone einsammelt, den Weinkeller auf Abhörgeräte untersucht und jedem Besucher eine eidesstattliche Erklärung zum Unterschreiben gibt.

Wien verliert damit einen erfahrenen Funktionär, einen bestens vernetzten Kammerpräsidenten und möglicherweise den letzten Mann, der noch gewusst hat, wie man bei Listenerstellungen angeblich ordentlich durchgreift.

Ob man ihn deshalb gleich als „guten Mann“ bezeichnen muss, kann jeder selbst entscheiden.

Aber eines ist sicher:

Wieder einmal hat die österreichische Politik bewiesen, dass sie Probleme am liebsten dadurch löst, dass einer zurücktritt und alle anderen erleichtert verkünden, jetzt könne endlich alles so weitergehen wie bisher.

Fazit

Walter Ruck ist weg. Margarete Kriz-Zwittkovits übernimmt. Die Kammer soll reformiert, das Vertrauen wiederhergestellt und das Schiff in ruhiges Fahrwasser gebracht werden.

Also alles wie immer.

Nur der Weinkeller bleibt vorerst geschlossen.

Und irgendwo in Wien sitzt vermutlich schon der nächste Funktionär bei einem Achterl und sagt:

„Unter uns, i sag dir jetzt was – aber das bleibt bitte im Raum.“

Na sicher.

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Bildnachweis:

athree23 (CC0), Pixabay

von Autor: Red. TB
am: Donnerstag, 30.07.2026

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