Eine neue Studie sagt: Wer viel im Internet unterwegs ist, hat mehr Stress, schlechtere Laune und vernachlässigt womöglich Arbeit, Freunde und Familie.
Na ja.
Das kommt halt schon sehr darauf an, wo man im Internet unterwegs ist.
Wer drei Stunden lang Urlaubsbilder anschaut, Katzenvideos konsumiert oder sich durch alte Konzertmitschnitte klickt, ist danach vielleicht müde – aber nicht zwingend grantig.
Wer hingegen zwei Stunden lang politische Kommentarspalten liest, sich auf X mit Fremden über Migration, Fußball und Wärmepumpen streitet und anschließend noch die Bewertungen eines Restaurants studiert, in dem jemand „nur vier Sterne“ gegeben hat, weil der Kellner nicht gelächelt hat, der braucht sich über schlechte Laune nicht wundern.
Das ist dann keine Nebenwirkung des Internets.
Das ist Selbstverletzung mit WLAN.
Nicht das Internet macht grantig – manchmal sind es die anderen
Die Forschenden haben 900 Menschen aus Deutschland untersucht. Alle hatten im vergangenen Jahr mindestens einmal online gespielt, Pornografie konsumiert, soziale Netzwerke genutzt oder im Internet eingekauft.
Das ist natürlich eine bemerkenswert breite Auswahl menschlicher Onlineaktivitäten.
Vom Schachspiel über den neuen Staubsauger bis zur nackten Tatsachenforschung war alles dabei.
Anschließend wurden die Teilnehmer in drei Gruppen eingeteilt: unproblematische, riskante und problematische Internetnutzer.
Eine ähnliche Einteilung könnte man auch bei Familienfeiern vornehmen.
Unproblematisch: Man schaut kurz aufs Handy.
Riskant: Man liest während des Essens Nachrichten.
Problematisch: Man erklärt dem Schwager anhand eines Facebook-Videos die Weltlage.
Der Drang, online zu gehen
Als entscheidender Mechanismus wurde der Drang identifiziert, ins Internet zu gehen.
Das ist wissenschaftlich durchaus nachvollziehbar.
Man sitzt auf dem Sofa, möchte eigentlich schlafen gehen und denkt:
„Ich schau nur noch kurz, wie das Wetter morgen wird.“
Zwanzig Minuten später weiß man, wie ein Vulkan auf Island heißt, warum ein Schauspieler sich scheiden lässt und welche fünf Lebensmittel angeblich den Stoffwechsel zerstören.
Das Wetter hat man inzwischen vergessen.
Der Drang funktioniert besonders gut bei Überschriften wie:
- „Was dann geschah, glaubte niemand“
- „Ärzte hassen diesen Trick“
- „Dieses Detail übersehen fast alle“
- „Sie öffnete die Tür – und erstarrte“
Natürlich klickt man.
Nicht, weil man möchte.
Sondern weil man wissen muss, warum sie erstarrt ist.
Soziale Medien als Launenbeschleuniger
Besonders zuverlässig funktioniert das Grantigwerden in sozialen Netzwerken.
Man öffnet die App entspannt und bekommt innerhalb von fünf Minuten Folgendes serviert:
Ein Bekannter ist reicher als man selbst.
Eine ehemalige Schulkollegin ist auf den Malediven.
Ein Fitnesscoach erklärt, dass man falsch atmet.
Ein Finanzinfluencer ist mit 24 bereits in Pension.
Und ein völlig Fremder schreibt unter ein Kochvideo, dass dieses Rezept der Untergang des Abendlandes sei.
Da braucht man keine psychologische Studie mehr.
Da braucht man ein Achterl und Ruhe.
Das Internet ist eben nicht nur ein Informationsmedium. Es ist auch eine Maschine, die einem in Echtzeit zeigt, wie glücklich, erfolgreich, schön und entspannt angeblich alle anderen sind.
Außer natürlich in den Kommentarspalten. Dort sind alle wütend.
Online-Shopping kann ebenfalls aufs Gemüt schlagen
Auch beim Einkaufen im Internet hängt die Stimmung stark vom Ergebnis ab.
Wer ein günstiges Buch bestellt und es zwei Tage später erhält, ist zufrieden.
Wer hingegen nachts um halb eins einen Massagesessel, ein Kryptowährungsseminar und eine Küchenmaschine kauft, weil ein Countdown noch genau 43 Sekunden läuft, erlebt am nächsten Morgen womöglich eine gewisse emotionale Ernüchterung.
Besonders grantig wird man dann, wenn die Rücksendung nur möglich ist, indem man:
- ein Formular herunterlädt,
- ein Kundenkonto anlegt,
- eine Bestätigungs-E-Mail öffnet,
- den Support-Chat startet,
- und dort mit „Lena, Ihrem virtuellen Assistenten“ diskutiert.
Lena versteht leider nur „Bestellung“, „Versand“ und „Auf Wiedersehen“.
Nach zwölf Minuten ist man bereit, die Küchenmaschine zu behalten und dafür das Internet zu kündigen.
Pornoseiten: schlechte Laune aus anderen Gründen
Die Studie umfasste auch Menschen, die Pornografie konsumieren.
Auch hier dürfte gelten: Es kommt auf die Seite, die Dauer und die persönlichen Umstände an.
Wer nach drei Stunden feststellt, dass er eigentlich noch eine Steuererklärung, zwei E-Mails und einen Elternabend gehabt hätte, könnte tatsächlich leicht gestresst reagieren.
Nicht wegen des Internets an sich.
Sondern wegen eines gewissen Missverhältnisses zwischen Zeitplanung und Freizeitgestaltung.
Onlinespiele sind auch nicht immer entspannend
Viele Menschen spielen online, um abzuschalten.
Das funktioniert hervorragend – bis ein Zwölfjähriger aus einem anderen Land einen innerhalb von 30 Sekunden besiegt und anschließend über das Headset erklärt, man sei zu langsam.
Dann ist die Entspannung beendet.
Man sitzt mit hochrotem Kopf vor dem Bildschirm, während ein Kind, das vermutlich längst schlafen sollte, die eigene strategische Inkompetenz analysiert.
Auch das kann grantig machen.
Aber wiederum: Nicht das Internet allein ist schuld.
Man hätte auch ein Puzzle machen können.
Ein Puzzle beleidigt einen wenigstens nicht.
Der eigentliche Trick: rechtzeitig aufhören
Die Forschenden kommen zu dem Schluss, dass nicht allein Stress und schlechte Stimmung entscheidend sind, sondern der Moment, in dem der Drang entsteht, online zu gehen.
Das klingt vernünftig.
Man müsste also lernen, diesen Moment zu erkennen.
Zum Beispiel:
„Ich bin müde, gereizt und möchte jetzt unbedingt die Kommentare unter einem Artikel über Tempo 30 lesen.“
Das wäre genau der Augenblick, in dem ein inneres Warnsignal ertönen sollte.
Oder besser noch eine automatische Ansage:
„Achtung. Sie sind emotional nicht stabil genug für diese Kommentarspalte.“
Das wäre wirklich sinnvolle künstliche Intelligenz.
Auch soziale Netzwerke könnten nach zwei Stunden ein Fenster einblenden:
„Sie haben heute bereits 147 Meinungen von Menschen gelesen, die Sie nicht kennen. Wollen Sie wirklich fortfahren?“
Darunter nur eine Schaltfläche:
„Nein, ich geh an die frische Luft.“
Fazit
Ja, exzessive Internetnutzung kann Stress verstärken, schlechte Stimmung fördern und dazu führen, dass Arbeit, Familie und Freundschaften zu kurz kommen.
Aber das Internet ist groß.
Wer online ein Sprachprogramm nutzt, mit Freunden spricht oder eine Reise plant, wird nicht automatisch zum grantigen Einsiedler.
Wer hingegen stundenlang politische Streitgespräche verfolgt, Börsengurus glaubt, anonyme Kommentare beantwortet und sich danach noch die Nachrichtenlage vor dem Schlafengehen gibt, sollte die Schuld nicht ausschließlich beim WLAN suchen.
Darum gilt:
Dauersurfen macht nicht immer grantig.
Aber wer die falschen Seiten besucht, zur falschen Zeit liest und mit den falschen Leuten diskutiert, der kann innerhalb von zwanzig Minuten den Glauben an die Menschheit verlieren.
Und dafür braucht man nicht einmal langsames Internet.


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