Amerikas Waffenrecht vor Gericht: Wenn die Gründerväter plötzlich als Cannabis-Experten herhalten müssen

Amerikas Waffenrecht vor Gericht: Wenn die Gründerväter plötzlich als Cannabis-Experten herhalten müssen

Veröffentlicht

Freitag, 19.06.2026
von Red. TB

Die Richter des Obersten Gerichtshofs der USA haben wieder einmal über das Waffenrecht debattiert – und dabei unbeabsichtigt eine Frage aufgeworfen, die wohl keinem der Gründerväter jemals in den Sinn gekommen wäre: Darf ein regelmäßiger Marihuana-Konsument eine Schusswaffe besitzen?

Die Antwort des Supreme Court lautete nun einstimmig: Ein Bundesgesetz, das Cannabis-Nutzern pauschal den Waffenbesitz verbietet, geht zu weit. Doch die eigentliche Diskussion begann erst danach.

Die Gründerväter und das große Historiker-Spiel

Seit einem Grundsatzurteil aus dem Jahr 2022 müssen amerikanische Gerichte bei Waffenfragen prüfen, ob vergleichbare Regelungen bereits zur Zeit der Staatsgründung existierten. Vereinfacht gesagt: Wenn George Washington oder Thomas Jefferson etwas Ähnliches gekannt hätten, ist es eher zulässig. Wenn nicht, wird es schwierig.

Richterin Ketanji Brown Jackson hat von diesem Ansatz inzwischen die Nase voll. In einer bemerkenswert deutlichen Stellungnahme bezeichnete sie den sogenannten „historischen Traditionstest“ als praktisch unbrauchbar.

Denn Richter müssten mittlerweile jahrhundertealte Gesetze durchforsten, um moderne Probleme zu lösen. Die Folge sind teilweise kuriose Debatten darüber, wie viel Alkohol die Gründerväter konsumierten oder welche Regeln im 18. Jahrhundert für Trinker galten.

Richter Neil Gorsuch bemerkte in diesem Zusammenhang trocken, dass zahlreiche prominente Amerikaner der Frühzeit möglicherweise Schwierigkeiten bekommen hätten, wenn regelmäßiger Alkoholkonsum bereits damals streng sanktioniert worden wäre.

Mit anderen Worten: Die Verfassungsväter werden inzwischen nicht mehr nur als Staatsgründer zitiert, sondern gelegentlich auch als historische Zeugen in Fragen des Drogen- und Waffenrechts.

Das Problem mit dem Jahr 1791

Die Kritiker des Systems sehen darin einen fundamentalen Fehler. Sie fragen, warum Richter im Jahr 2026 moderne Gewaltprobleme anhand von Regeln beurteilen sollen, die entstanden sind, als die Vereinigten Staaten noch aus Kutschen, Musketen und schlecht beleuchteten Tavernen bestanden.

Jonathan Lowy von der Organisation Global Action on Gun Violence brachte es auf den Punkt: Das Problem eines Cannabis-Gummibärchens vor dem Schlafengehen lasse sich kaum durch Gesetze aus dem 18. Jahrhundert lösen.

Die Gegner des aktuellen Systems werfen dem Gericht vor, Richter zu Hobby-Historikern umzuschulen. Statt Juristen würden sie zunehmend Archivare spielen.

Der nächste Streit wartet bereits

Viel Zeit zum Durchatmen bleibt den Richtern nicht. Bereits in Kürze steht die Entscheidung über ein umstrittenes Waffengesetz aus Hawaii an.

Dort müssen Waffenbesitzer teilweise eine ausdrückliche Erlaubnis einholen, bevor sie eine Schusswaffe in Geschäfte oder andere private Einrichtungen mit Publikumsverkehr mitbringen dürfen. Kritiker nennen das Gesetz bereits die „Vampir-Regel“ – frei nach dem Motto: Eintritt nur mit Einladung.

Auch hier wird wieder die große Frage lauten, welche Orte als „sensibel“ gelten und wo Waffen eingeschränkt werden dürfen. Parks? Bahnhöfe? Einkaufszentren? Darüber streiten die Gerichte bereits seit Jahren.

Fazit

Der Supreme Court wollte mit seinem historischen Test eigentlich Klarheit schaffen. Stattdessen diskutieren Amerikas Richter inzwischen über Trinkgewohnheiten der Gründerväter, historische Alkoholgesetze und die Frage, was Menschen vor mehr als 200 Jahren möglicherweise über moderne Cannabisprodukte gedacht hätten.

Man könnte sagen: Das Waffenrecht bleibt in den USA fest in der Gegenwart verankert – solange man vorher gründlich in der Vergangenheit nachgeschaut hat.

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am: Freitag, 19.06.2026

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